Montag, 24. Oktober 2016

Cancer Run - Rennen gegen Krebs


Krebs wird hier ganz oft ganz spät erkannt. Voruntersuchungen gibt es kaum. Patienten kommen ins Krankenhaus wenn es meist schon "zu spät" ist.
Die Palliativabteilung in Kijabe ist erst ein paar Jahre alt. Sie wurde von der Mutter unseres Chef Chirurgen aus Australien eröffnet.
Patienten, die früher in Agonie ihr Leben beendet hätten, bekommen hier durch unser Palliativ team liebevolle Begleitung, die richtigen Medikamente und wenn irgendmöglich werden Behandlungen, von Operationen, Bestrahlungen oder auch Chemotherapie zur Verfügung gestellt. Leider hat der Mangel an sozialer Absicherung in einem Land wie Kenya dazu geführt dass die knappen Resourcen dann ganz schnell aufgebraucht werden.
Heute war der Cancer Run - das Rennen gegen Krebs - in Kijabe. Jeder konnte teilnehmen, die fitten rannten, die weniger fitten sind gewalkt, gewandert. Andere, so wie ich, waren auf ihren Fahrrädern unterwegs. Wie man auf dem Bild sehen kann, hat es Spass gemacht, Selfies wurden in grosser Zahl gemacht. Action cams auf dem Helm, haben die ganze Aktion festgehalten. Es gab nur wenige Verletzte und alle kamen ans Ziel.
Mit dieser Fundraising Aktion kann hoffentlich vielen Menschen geholfen werden, die Palliativ Pflege zu bekommen die sie benötigen. Und gleichzeitig war die ganze Aktion dafür da um ein Bewusstsein zu fördern, für die Notwendigkeit von Vorsorgeuntersuchungen.
LG, T u D

Dürre und Hunger - das Monster hebt wieder seinen Kopf

Dieses Bild stammt vom März diesen Jahres als die Kamele noch in der Garissa Gegend waren.


Ende September waren wir in Garissa. Es war schon sehr trocken, die Wasserlöcher ausgetrocknet, Herden waren kaum noch zu sehen. Die Hirten sind den alten überlieferten Pfaden gefolgt in der Hoffnung dass sie dort genug Weide finden um dafür zu sorgen dass die Herden überleben und damit auch das Leben der Familien gesichert ist.
Erst seit letzter Woche darf offiziell das Wort Dürre und Hunger erwähnt werden. Der Präsident der Republik Kenya hat vergangene Woche den Notstand für den ganzen Norden und Nordosten des Landes ausgerufen, auf allen Kanälen waren und sind jetzt noch abgemagerte Kühe und ausgetrocknete Wasserlöcher zu sehen. Die Herden sind ausgezehrt, Kälber stehen neben der Karkasse der Mutterkuh und auch das Kalb hat sicher nur noch kurze Zeit bis es eingeht.
Natürlich ist der Nordosten, Garissa, Wajir und Mandera, aber auch das Gebiet um den Turkana See stark betroffen. Aber das heisst nicht dass andere Teile des Landes nicht in der einen oder anderen Weise mit betroffen sind, auch wenn diese nicht unmittelbar zum Hungergebiet erklärt werden. Das ganze Land fühlt den Schmerz des Hungers. Jetzt geht es erstmal ums überleben, alle Schalter sind auf "survival mode" umgeschaltet.
Die Hoffnung ist jetzt auf die Regierung gerichtet, auf Hilfsorganisationen die mit Notrationen intervenieren sollen, zumindest ist das die Erwartung die die Menschen jetzt haben. Besonders die unter 5-jährigen Kinder sind am anfälligsten.
Biyo waa nolosha - Maji ni Uhai - Wasser ist Leben. Das ist in Somali und in Kisuaheli das Schlagwort das eben nicht nur ein Schlagwort ist. Es ist tatsächlich so dass es in vielen dieser Hungerregionen seit über einem Jahr nicht mehr geregnet hat. Das Land ist regelrecht ausgedörrt.
Wir hoffen dass die Regierung in der Lage sein wird in dieser Krisenzeit rechtzeitig Hilfe zu senden, obwohl wir auch aus den Medien mitbekommen dass die Reserven sehr begrenzt sind.
Von unserer Seite können wir erst einmal nur für Regen beten.
Wenn Ihr könnt, betet bitte mit für Kenia, für Regen, für Gras dass die Kühe, Kamele und Ziegen wieder Milch produzieren können, und nur dann können auch die Kinder wieder die richtige Ernährung bekommen. Ein anderes Sprichwort in Somali betont den Zustand von Segen wenn es Frieden gibt und einen Überfluss an Milch. Nur dann ist das Leben gut und lebenswert. Möge die Gegend wieder voll werden von Nabad (Frieden) und Caano (Milch).
LG, T u D

Namuncha - ein Dorf in der Talsohle des Rift Valley

Mich fasziniert dass die Faszination Afrika und im besonderen Kenia, nicht aufhört.
Ist es die Mischung aus verschiedenen Kulturen und Stämmen oder ist es die Landschaft mit ihrer atemberaubenden Schönheit oder ist es die Freundlichkeit der Menschen die trotz harter Lebensumstände ihr Lachen nicht verlernen? Sicher ist es die Kombination all dieser und noch vieler anderer Facetten die Afrika zu einem Kontinent machen, der einen in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Ich glaube es ist auch die tiefe Lebensweisheit deren wir oft ausgesetzt sind und oftmals gepaart mit geistlichen Einsichten die ich eigentlich immer wieder mal teilen sollte, jetzt wo ich drüber nachdenke.
Nur wenige Kilometer von Kijabe entfernt, auf sehr felsigem Weg der nur mit Allradfahrzeug befahren werden kann, gelangen wir ins Massaigebiet, in der Talsohle des Rift Valley. Noch während der Kolonialzeit haben sich dort Turkana angesiedelt, ebenfalls Viehhirten. Beide Stämme grasen ihre Herden in der trockenen Savanne. Unter ihnen findet man auch die eine oder andere Kikuyufamilie die versucht durch Bewässerung Erträge aus dem Boden zu bekommen. Kikuyu schaffen es fast überall, auch in sehr trockenen Gebieten, ihren Lebensunterhalt durch Ackerbau zu erwirtschaften. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ist nomadisch und sehr in ihren Traditionen verhaftet.
Mit unserem Team sind wir in Namuncha angelangt und warten. Warten ist normal obwohl unser Besuch schon lange angesagt war. Die ersten kommen, man grüsst sich ausgiebig, fragt nach dem Zustand der Tiere, Kinder kommen vorbei und neigen ihre Köpfe und durch Auflegen der Hände grüssen wir sie. Das ist die etwas befremdliche und gleichzeitig sehr schöne Kultur der Massai.
Nach und nach treffen sie ein, die Frauen mit kahlgeschorenen Köpfen, die Ohren behängt mit Schmuck, die Hälse mit aufwendigen Kunstwerken aus Perlen geschmückt. Alles an ihnen ist farbenfroh und einfach schön. Manche von ihnen laufen 10 km um zu diesem Treffen zu kommen, und erst wenn die Tiere versorgt sind, können sie loslaufen. Die Tiere sind ihr Lebensmittelpunkt.
Es sind auch Männer da, u.a. der Pastor der lokalen Kirchengemeinde, er ist eine Schlüsselperson und Mobilisator. Ich kenne ihn schon seit Jahren, wir grüssen uns herzlich. Ohne ihn würde nicht viel laufen, und nebenbei fungiert er noch als Übersetzer und Informant in Sachen Kultur.
Irgendwann, nicht zu einer bestimmten Zeit, sondern wenn dann alle da sind, fangen wir mit unserem Thema an. Und die Einheit ist erst dann zu Ende, wenn sie zu Ende ist und das bestimmen die Teilnehmer. Das ist dann, wenn alle Fragen beantwortet sind. In dieser nomadischen Kultur kann nur ganz wenig vorausgesetzt werden, der Bildungsstand ist sehr niedrig, was aber nur heisst, dass die Menschen nur noch begieriger sind zu lernen.
Der Unterricht den wir anbieten geht darum, wie Kinder davor bewahrt werden können zu früh zu sterben und wie Mütter die kritische Zeit der Schwangerschaft und Geburt möglichst unbeschadet überstehen können. Der Unterricht findet in der Landessprache Kisuaheli statt, die Realität ist aber dass die Frauen diese Sprache gar nicht verstehen. Es muss alles in Massai übersetzt werden.
Im Laufe der Lehreinheit sind wir diejenigen die lernen, wir lernen ihre Kultur kennen. Eine interessante Lektion ist der Umgang mit neugeborenen. In der Kultur, und nicht nur in der Massaikultur sondern in vielen anderen Kulturen, werden keine Babykleider gekauft bevor das Kind tatsächlich geboren wurde. Der Ehemann macht sich erst dann auf den Weg um Kleidung für das Baby zu besorgen wenn die Hebamme Bescheid gibt dass das Kind gesund und die mama ok ist. Zu viele Kinder sterben während der Geburt oder bald danach so dass es kulturell angesagt ist, erst mal zu schauen ob es sich lohnt loszugehen und Geld auszugeben.
Unsere Kollegen, moderne junge Familienväter sehen das inzwischen ganz anders aber in den traditionellen Familien wird das durchaus bis heute so gehandhabt.
Bis zum nächsten blog, T u D





Sonntag, 9. Oktober 2016

Rundbrief September


Auf dem blog rechts oben findet Ihr unseren neuesten Rundbrief zum runterladen.


Kamelkarawane für Touristen

Kairoskurs in Kijabe
Besuch in Garissa 
Es war der letzte Tag für Benji in seinem Orientierungsjahr. Noch schnell seine Sachen ins Auto geschmissen und dann los nach Velbert um dort auszuladen und fast weiter im Galopp nach Düsseldorf zum Flughafen. Jede Minute wieder zurückzusein in Kenia ist kostbar. Denn danach würde es ziemlich unmittelbar weitergehen mit Praktikum in Velbert.
Einer der trips den wir zusammen unternahmen waren einige Tage auf einer Kamelfarm in der Laikipia plain, ein unglaublich weites Land, Wildnis pur und verstreute Farmen von weissen Siedlern die tausende von Hektar bewirtschaften. Es ist trockenes Land, Akazienbäume sprenkeln die sonst eher öde Landschaft. Der Besucher wird davor gewarnt nicht ohne Begleitung unterwegs zu sein, Büffel, Löwen und Elefanten sind nicht selten in den camps. Der Nachtwachmann ist immer abends da, macht Feuer, erzählt Geschichten von seinem Stamm und von seinen Abenteuern die er mit den wilden Tieren erlebt.
Der Besitzer der Farm ist weisser Siedler, sein Grossvater kam schon aus England hier an, sein Vater fing an mit Kamelen zu experimentieren. Inzwischen ist seine Kamelfarm auf über 150 Kamele angewachsen. Die wahren Kamelexperten sind die Stämme des Nordens, die Turkana, Rendille, Gabbra und Borana. Es sind harte, wüstenerprobte, robuste Menschen die sich in der Weite des ariden Nordens so auskennen wie kein anderer. Sie sind Experten im Umgang mit Kamelen, sie kennen die Gefahren der Wildnis und wissen wie sie in der Halbwüste überleben können.
Vor einiger Zeit hat ein Amerikaner der als junger Mann mit "Peace Corps" nach Kenia kam eine aufregende Idee entwickelt. Er lädt reiche Amerikaner zu einer Safari einer ganz anderen Art ein. Die Kamele werden beladen mit allem was man braucht auf einer ein bis zweiwöchigen Safari zu Fuss. Von Betten, Tischen und Stühlen bis hin zu den wichtigen Lebensmitteln, Wasser ist das wichtigste das nie ausgehen darf. Diese Safaris werden in den USA als Spendensammelaktion angepriesen. Seit Jahren schon werden auf diese Weise Kinderheime unterstützt.
Wir konnten sehen wie die Kamele auf der Farm von diesen Experten beladen wurden und wie sich die Karawane dann langsam in Bewegung setzte.
Oft erinnert uns unser Leben an eine dieser Kamelkarawanen, wir sind unterwegs, beladen und bereit sich auf neue Abenteuer einzulassen.
Viel Spass beim Lesen unseres neuen Rundbriefs,

Eure Thomas und Dörte


Samstag, 6. August 2016

Training von Dorfgesundheitsentwicklern - from a land beyond the river

Beyond the river - Das Land hinter dem Fluss

Der Osten Kenias ist abgetrennt durch einen Fluss. Der Fluss Tana ergiesst sich nach etwa 1000 km vom Mount Kenya kommend bei der Insel Lamu in den indischen Ozean. Er wird damit zu einer geographischen, ethnischen und klimatischen Grenze.


Seit Monaten hat unser Team sich darauf vorbereitet, eine Gruppe von Menschen aus der Gegend hinter dem Fluss hier in Kijabe willkommen zu heissen. Letzten Sonntag, ab Nachmittag, kamen die ersten aus Garissa, nach 2 Tagesreisen bei uns an. Bis zum späten Abend waren alle 12 Teilnehmer angreist. 
Wie werden wir die kulturellen, religiösen Fettnäpfchen so geschickt umgehen, dass am Ende der Woche keiner beleidigt oder gekränkt nach Hause geht?
Viele haben für diese Woche gebetet, uns wurde das bewusst. Zumindest haben wir keine groben Schnitzer festgestellt während das Seminar lief. 
Die Teilnehmer kamen von einer der entlegentsten Gegend Kenias, trocken und unsicher durch die Grenznähe, Von dort ins zentrale Hochland Kenias, dorthin wo es keinen Hunger gibt. Der County hat sich den Slogan gegeben: "Willkommen zum County der voll ist mit Kartoffeln und Milch." 
Eine sagenhaft schöne und fruchtbare Gegend deren Charme schon die englischen Siedler verfallen waren.

 Interkulturelle Kommunikation



Die fleissigen Kikuyubauern trafen nun auf die Somalis die ihre Viehherden kennen und lieben. 
Für über 90 % der Menschen war es zum ersten mal, dass sie mit einem Menschen zusammenkamen, der Moslem ist, und dann noch Somali. Auf beiden Seiten waren für einige Zeit die Kinnläden nach unten geklappt, weil vieles sich so undenkbar anhörte, wie eine Fabel aus einer anderen Welt.
Beide Seiten waren sich begegnet, Weltsichten wurden kräftig durcheinandergerüttelt, Wertschätzung für den anderen wurde zum Ausdruck gebracht. 




Die Teilnehmer von der Region hinter dem Fluss staunen über die Strukturen, die Entwicklung erst möglich machen. Die anderen sind fast traurig über die Rückständigkeit des Landes hinter dem Fluss, einer ganzen Region die insgesamt wohl ein Viertel des Landes ausmacht. Keine Teerstrassen, immer wiederkehrende Hungersnöte und viele andere Kalamitäten sind nur ein Asudruck einer 50- oder mehr jährigen Ausgrenzung des, wie es bis heute noch manchmal genannt wird, ehemaligen Northern Frontier District.

County Regierung

Seit etwa 3 Jahren wächst die Hoffnung auf eine Art semi-autonome Selbstverwaltung durch die Einführung des County Regierungssystems, gestaltet nach dem Vorbild des federalen Systems wie es aus der USA oder der Bundesrepublik Deutschland bekannt ist. 
Korruption ist natürlich nach wie vor ein Thema, die Menschen scheinen aber eine gewisse Verbesserung in den verschiedenen Sektoren, wie z.B. Gesundheitsversorgung, zu empfinden.
Genau dazu gehört auch die Strategie der kenianischen Regierung, Community Health Strategy. 
In diesem Rahmen wurden unsere Gäste letzte Woche forgebildet. Regierungsangestellte, deren Aufgabe es ist, Freiwillige fit zu machen. Sie sollen mit offenen Augen in ihren Nachbarschaften die Gesundheitsversorgung auf den kleinsten Nenner bringen. 
Allerdings sind fast alle dieser Freiwilligen Analphabeten, waren nie in der Schule, Diese Ehrenamtlichen sind es, auf die die Regierung baut, um mit ihrer Hilfe die extrem hohe Kindersterblichkeit und unnötigen Verlust von jungen Müttern entgegenzuwirken. Unsere Herausforderung ist es, Leute wie die 12 von dem Land hinter dem Fluss zu trainieren, dass sie wiederum diese Ehrenamtlichen mit Information versorgen und mit Ideen inspirieren können. Vor allem aber brauchen sie Ermutigung, gegen die oft menschenverachtenden Traditionen anzugehen. 
Mit Fortbildungen wie diesen, statten wir die Trainer aus, dass sie wiederum ihre Leute trainieren können. 
Wir werden demnächst in das Land hinter den Fluss reisen, um zu sehen was die Teilnehmer aus ihren Plänen gemacht haben. 

Samstag, 16. Juli 2016

Gedenkgottesdienst - 4 Jahre danach

Austausch unter Kollegen

Das monatliche Treffen afrikanischer Christen in der Garissagegend war für uns eine perfekte Gelegenheit wieder in die umkämpfte Region einzureisen. Menschen die sich monatlich treffen um zu beten und Gott zu suchen. Diese Menschen, die seit Jahren trotz Unsicherheit dort arbeiten, wollen wir besuchen. Wir wollen sie kennenlernen, wollen von ihnen hören, mit ihnen beten, mit ihnen Herzen und Anliegen teilen. Sie kommen aus unterschiedlichen Organisationen, haben aber eine Sehnsucht gemeinsam. Sie wollen sehen und erleben, dass Menschen aus allen Nationen Jesus erkennen und ihn anbeten.
Ein junger Mann aus Burundi steht auf um zu predigen. Er hat sich als Kind gewundert, so erzählt er, warum er anders war als seine Geschwister. Erst Jahre später, als er zum ersten mal in Garissa war, und das kushitische Volk kennenlernte, wurde ihm klar dass Gott ihn sogar äusserlich auf seinen Dienst vorbereitet hat. Seine weichen krausen Haare und feinen Gesichtszüge unterscheiden ihn von den Bantuvölkern, die grosse Teile Afrikas dominieren. Er redet leidenschaftlich von einer Veränderung die sich anbahnt. Es sind Anzeichen die darauf hindeuten dass die Menschen weicher werden. Anne aus der Nairobigegend bestätigt das anschliessend, denn vor 15 Jahren, so sagt sie, war es für uns unmöglich mit einer Bibel durch die Strassen zu laufen. Jetzt werden wir nicht mehr mit Steinen beworfen, so wie früher. George aus dem Westen des Landes hat wahrgenommen dass der Respekt zugenommen hat. Vor einigen Jahren noch, wurde er mit Schimpfwörtern in der Klasse begrüsst, heute ist er überall der Mwalimu, der Lehrer. Selbst die Häuser öffnen sich für diese Kollegen, Leben wird geteilt. 
"Dann stimmt das also gar nicht was uns die Sheikhs und Imams in der Moschee erzählen", stellen einige der Schüler immer wieder fest, "ihr Christen seid gar nicht so böse, wie uns immer gesagt wurde". Diese Erkenntnis nimmt zu, dort wo gelungene interkulturelle Kommunikation stattfindet. Begegnungen zwischen Menschen und Kulturen machen den ganzen Unterschied, und das ist überall so.

Das Feld wird vorbereitet

Sinnbildlich gesprochen wurde auf diesem Feld wurde viel geackert, gearbeitet, Steine gelesen und gesät. Die Frucht jahrelanger, mühsamer Arbeit, selbst vergossenes Blut hat dazu beigetragen, dass heute die Atmosphäre anders ist als noch vor ein paar Jahren.
Leider ist vieles davon geflossen. Vor etwas mehr als einem Jahr an der berühmt gewordenen Universität, vor 4 Jahren in einer Kirche. Das waren die grossen international medienwirksamen Anschläge. Dazwischen noch die vielen kleineren Anschläge, die in keiner internationalen Zeitung erwähnt wurden. 
Am 1.Juli 2012 war es unsere Partnerkirche, in der an einem Sonntagmorgen während des Gottesdienstes durch Handgranaten und Feuer aus automatischen Waffen 17 Menschen ihr Leben lassen mussten und viele weitere verwundet wurden. 
Nun begab es sich so, dass ich mich gerade zum Jahrestag in der Stadt befand. Aus Gründen, die nicht ganz klar wurden, sagte der lokale Bischof als Gastredner ab. Mit weniger als einen Tag zur Vorbereitung wurde ich als Gastredner bestellt, ich war geehrt und sagte zu.

Meine Frau, ein Besucher aus Deutschland und ich sitzen auf den Ehrenplätzen während das Programm läuft. Die Stimmung ist ausgelassen, fröhlich, keine Trauer ist zu spüren. Das Leben geht weiter, muss weitergehen. Ging auch weiter, selbst am Sonntag nach dem Blutbad wurde Gottesdienst gefeiert. Davor haben wir grossen Respekt. Meine afrikanischen Geschwister sind nicht leicht einzuschüchtern. Sie sind zäh, lebensfroh und zeigen starkes Gottvertrauen.
Während ich über die afrikanische Resilienz nachdenke, strömen die Pressemitarbeiter zahlreicher Medienhäuser des Landes in die Kirche. Mit Strahlern wird die Kirche ausgeleuchtet, Kameras finden ihre Ziele. Politiker geben kurze Ansprachen über friedliche Koexistenz zwischen Christen und Muslimen und dass wir alle zusammenhalten müssen um Extremismus zu bekämpfen. Der Beifall schien wirklich von Herzen zu kommen. Jeder weiss dass Gewalt die ganze Region zu Boden zwingt. Friede ist ein hohes Gut und man lernt ihn erst schätzen wenn er rar geworden ist. Möge der Friede zunehmen in der Region. Mögen die zahllosen Anschläge entlang der Grenze ein Ende finden.
Wir sind uns einig mit den Bewohnern der Region und beten genau darum.

Nun war ja unser Ziel während der Reise dass wir quasi unter dem Radarschirm unterwegs sein würden. Der Plan wurde gründlich durcheinandergebracht als wir plötzlich von nationalen Kamerateams umgeben waren. Wir können nur planen, vieles ist ausserhalb unseres Einflussbereiches. Wir hoffen dass wir in Zukunft mit diesen Kollegen mit denen wir Zeit verbracht haben, unseren Dienst tun können.


Samstag, 25. Juni 2016

Juni 2016



Ihr lieben,
Ein Griff an die Wäscheleine- yeap, die Wäsche ist noch naß! Naja, das ist nichts Besonderes. Besonders ist nur, dass es der dritte Tag ist, nachdem wir sie aufgehängt haben und wir in Afrika leben. Da würde man das nicht erwarten. Ein Feuer im Kamin im Juni? Was wir von Deutschland hören, kann man sich das wohl an manchen Tagen nur wünschen. An besonderen Tagen gönnen wir uns das hier in Kijabe.
Die letzten Wochen könnte man die Überschrift geben: Dorfgesundtheit. Wir waren viel mit dem Communithy health team unterwegs. In zwei Dörfern haben wir die freiwilligen Gesundheitshelfer mit Grundwissen ausgestattet. Diese Dörfer liegen so ca 1Stunde Fahrt von Kijabe entfernt. Die Gegend ist fruchtbar, Tee, Kartoffeln, Mais und ausreichend Regen geben das täglich Brot auf den Tisch.
In dem Dorf A erziehen viele Mütter ihre Kinder allein. Nicht etwa, weil der Vater im Krieg umkam oder von einer Krankheit hinweggerafft wurde. Die Mütter können durch ihre Hände Arbeit in diesem fruchtbaren Land die Familie versorgen und Schulgelder aufbringen. Wenn dann der Mann im Haus nicht signifikant zu dem Unterhalt beiträgt, haben die Frauen nicht viel Geduldspuffer und setzten ihn auf die Strasse. So erzählen sie uns und wir staunen nicht schlecht. Im Unterricht wird es dann bestätigt als die Männer sagen, Jungs und Männer brauchen Unterstützung. Im Laufe so eines Seminars wächst die Gruppe zusammen und in diesem Dorf war es dann sehr schön zu beobachten, wie Frauen und Männer, jung und alt, gerne für ihr Dorf zusammenarbeiten wollen.



Wir haben mehrere Leute gefragt, warum interessiert es euch, ohne Bezahlung Kilometerweit zu laufen, kurze Lehreinheiten zu geben, euch mit kranken oder schwangeren Nachbarn zu beschäftigen und Aktionstage zu planen? Eine Witwe erzählte es so:

Ich war in meinem Teefeld als ich ein Motorrad kommen hörte. Das ist ungewöhnlich in meinem abgelegenen Haus und Feld. Als ich schaute sah es so aus als wäre es der Bürgermeister! Tatsächlich, der Bürgermeister stieg vom Motorrad und grüsste mich. Er erzählte von der neuen Gruppe für Gesundheitshelfern, die sie zusammenstellen wollen. Und dann sagte er, er wüsste von meinem Engagement für die Nachbarn und das Dorf und deswegen würde er mich gerne dabei haben! Das bedeutet, er hat gehört und gesehen, wo ich bisher geholfen habe. Es wurde wahrgenommen. Und ich werde für fähig gehalten bei so etwas mitzumachen. Ich habe mich so gefreut und kann jetzt mit einem offiziellen Stempel machen, was ich sowieso gerne mache: mich für meine Mitmenschen einsetzen!

Diese Seminare in den letzten Wochen waren ermutigend für unser ganzes Team. Zur Zeit sind wir an der Planung für ein Fortbildungskurs im Juli. Das Kijabe Community health team(Dorfgesundheit team) hat eine Gruppe von Angestellten der Regierung eingeladen für eine Fortbildung. Die 12 Leute kommen aus dem Nord Osten des Landes und arbeiten wirklich in sehr entlegenen Gegenden direkt an der Grenze zu Somalia. 10 sind Somalis, 2 sind ursprünglich von anderen Gegenden Kenias. Die meisten haben kein Zugang zu emails, d.h. wir müssen jetzt dieser Tage jeden einzelnen anrufen und ihnen sagen, sie sollen dicke Jacken und Pullover mitbringen!
Die Beziehungen aus diesem Seminar können dazu führen, dass wir diese Leute im Hinterland besuchen, um sie in ihren Fortschritten anzuspornen.


Wir haben gerade Besuch von einem jungen Doktor aus Deutschland. Er ist für ca 3,5 Wochen hier und fragt den Herrn viele Fragen. Es ist schön solch einen Besuch und die Energie der Jugend im Haus zu haben. Wenn er geht, kommt unser Sohn Joas Benjamin, was unser „mitten im Jahr Höhepunkt“ ist.

Seid herzlich gegrüsst mit der Erinnerung: das Reich Gottes steht nicht in Worten, sondern in Kraft.(1Kor 4.20)

Samstag, 7. Mai 2016

Gratwanderung Versöhnung - zwischen Wiederherstellung und Enttäuschung

Versöhnung

Die zerstörte Kathedrale der ehemaligen "Perle von Ostafrikas" ist zu einem Sinnbild geworden. Was ist denn noch alles zerstört?
Bei einem Treffen in Nairobi mit dem König aus dem Südwesten des Landes formulierte er es so: "Was ist nicht zerstört worden, das keine grössere Reparatur und Wiederherstellung bedarf? Wenn ich eine Liste schreiben sollte was wir nicht benötigen, würde die sehr kurz ausfallen. Es mangelt einfach an allem,"
Mit dieser Feststellung fragte er nach Beteiligung unserer Organisation beim Wiederaufbau seines Landes. Unsere Partnerorganisation war in den "guten Jahren", also den 50er bis 70er Jahren in der Region, die er jetzt unter sich hat, stark engagiert im Bereich Bildung und Gesundheitswesen. Die Organisation hat bis heute noch einen guten Ruf, und es gibt manche, die sich danach sehnen, Firmen wie unsere wieder im Land zu haben.
Obwohl er es nur indirekt ansprach, kam die Frage für uns verständlich rüber: "Wie können die verletzten Herzen geheilt werden?"
Jeder Somali, genau wie jeder andere Mensch, hat Zwistigkeiten zu lösen. Erschwerend zu der persönlichen Geschichte des einzelnen kommen die Konflikte in die die Menschen hineingeboren werden. Da ist Krieg gegen andere Länder, Gebiete und Clans. Streitigkeiten mit Nachbarn, Brüdern und Nebenfrauen. Uneinigkeit über Grenzverläufe, Weiden und Kamele. Diskussionen wegen Geld und wegen Khat (sehr verbreitete Droge). Meinungsverschiedenheiten und Ärger in der Schule, auf der Strasse oder zu Hause. Die meisten Somalis tragen Groll oder ganz offenen Hass gegen Leute, die an ihnen in der Vergangenheit falsch gehandelt haben, mit sich herum. Die allermeisten Somalis haben erlebt, wie bitter es ist einen Familienangehörigen durch eine Gewalttat zu verlieren. Wenn jemand stirbt, werden der Familie des Getöteten als Wiedergutmachung von Seiten des Angreifers 100 Kamele übergeben. Wird dieses Blutgeld nicht gezahlt, wird der Clan des Opfers Vergeltung suchen, durch die Hinrichtung des Mörders oder eines Clan-Genossen.
Ein Freund, der einige Jahre wegen eines Mordes nach einem Streit im Gefängnis verbrachte, erzählte uns: "Mir geht es jetzt gut, mein Clan hat die Kamele gezahlt, keiner will mehr etwas von mir. Aber gegenüber Gott werde ich immer schuldig bleiben, das kann mir keiner abnehmen."
Jesus hat uns gelehrt, zu beten: "Vater vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." Was für einen Unterschied würde die Botschaft Christi in der somalischen Gesellschaft machen! Nur durch Jesus sind Somalis imstande, die Feindseligkeiten der Geschichte zu überwinden und zu vergeben. Und nur durch ihn werden sie die Gewissheit bekommen, dass ihnen selbst vergeben ist. (Auszug aus "Gebetsjahr für das somalische Volk")

Hoffnung und Realtität

Es gibt einen Ausweg aus Rache, Hass und Vergeltung. Es gibt Versöhnung zwischen Nationen, Clans, Familien und Brüdern. Besonders wichtig ist uns dass das bei den Christen verstanden wird. Allerdings gelingt das nur wenn Menschen bereit sind sich unter die Autorität Jesu Christ zu stellen. Wenn dies nicht geschieht,gibt es leider auch die Momente wo diese Hoffnung bitter enttäuscht wird. Wenn die alten, vertrauten Wege weiter gegangen werden. Wenn bewusst der biblische Weg abgelehnt wird und Zerstörung gesucht wird um den eigenen Vorteil zu suchen. Letzten Sonntag fanden wir uns in einer berühmt, berüchtigten Polizeistation in Nairobi wieder um Freunden beizustehen die ohne erkennbaren Grund ins Gefängnis geworfen wurden. Haarsträubende Anschuldigungen wurden gemacht, die jeder Grundlage entbehrten. In dem Fall war es offensichtlich ausreichend unsere weissen Gesichter zu zeigen, wir mussten nicht aussagen, Anwesenheit reichte aus. Unser weisser Kollege verbrachte eine Nacht im Knast, sicher ein Ereignis das in seine persönliche Geschichte eingeht. Zellen in Kenia sind nicht mit Zellen in Deutschland zu vergleichen. Für unseren Bruder aus dem Nachbarland war es eine weitere Episode die ihn zermürbt und ihn an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringt. Die Enttäuschung darüber dass wir keine Einigung erzielen konnten, sitzt tief. Habsucht und Gier, Vergeltungssucht und verletzter Stolz sind Motivationsfaktoren die eine immense Energie freisetzen.
Hier erleben wir im kleinen das Trauma durch das das Land seit Jahrzehnten durchgeht. Herr, erbarme Dich.




Samstag, 30. April 2016

Die Kathedrale von Mogadishu - ein Fallbeispiel

Mogadishu - die Perle Ostafrikas


Die Kathedrale von Mogadishu zur Zeit der italienischen Herrschaft


So in etwa sieht die Kathedrale heute aus, fast vollständig zerstört

So wurde die Hauptstadt Somalias bis zum Beginn des verheerenden Bürgerkriegs bezeichnet. Weit davon entfernt ist das Bild das sich dem Betrachter heute bietet.

Die Geschichten werden komplexer

Wie erzähle ich weiter meine Geschichten ohne andere Menschen in Gefahr zu bringen? Die Natur unserer Arbeit erfordert Sensibilität. Es ist eine Gradwanderung zwischen Information, die Freunde mit uns in Verbindung hält und dem Schutz unserer Freunde hier im Land, die im Fadenkreuz ihrer Feinde stehen. Sie werden anvisiert weil sie nicht nur klar zu ihrem Glauben stehen sondern weil sie in Leiterschaftspositionen sind. 
Es passiert so vieles, leider kann ich die interessanten Geschichten nicht alle im Internet preisgeben. Ich hoffe dass es mir gelingt Geschichten in der Zukunft so dazustellen dass sie anonym genug bleiben und dennoch verstanden werden. 
Unser Leben ist in einem komplexen Geflecht von Beziehungen eingebettet. Nur kleine Ausschnitte kann ich rausnehmen und versuchen zu beschreiben. 

Pioniere am Horn von Afrika

Letzte Woche auf einer Konferenz waren wir mit Menschen aus verschiedenen Nationen zusammen um gemeinsam aus der Geschichte unseres Volkes zu lernen. Mein früherer blogeintrag: "Pioniere in Ostafrika" erzählt von der Anfangszeit der Mission in Kenia im ausgehenden 19. Jahrhundert. Fast zeitgleich fingen schwedische evangelische Missionare an die Gegend um Mogadishu zu evangelisieren. Weiter oben im Norden wurden römisch-katholische Priester und Nonnen aktiv. Es war von Anfang an schwer, viele der ausländischen Botschafter des Evangeliums verloren ihr Leben. Mussolini, der italienischen Diktator sorgte in den 30er Jahren dafür, dass alle Vertreter anderer Nationen das Land verlassen mussten. (Somalia war italienische Kolonie). 
Die 50er und 60er Jahre sahen eine relative Offenheit bis der ehemalige Diktator Siyad Barre durch einen Militärputsch die Macht übernahm und schon bald dafür sorgte dass wieder alle evangelistische Arbeit zum Erliegen kam. Von da an ging das ganze Land immer mehr dem Abgrund entgegen. Ein verheerender Krieg mit Äthiopien kostete ein Drittel der somalischen Armee zum Ende der 70er Jahre. In den 80er Jahren bahnte sich das Ende des Regimes an, 1991 kam es zur Flucht des Diktators Barre. Die Rebellengruppen die damals den Sturz Barres herbeigeführt hatten, wurden nun zu erbitterten Feinden und kämpften um die Vorherrschaft in der Hauptstadt, der ehemaligen Perle Ostafrikas. Unsagbares Leid ist seitdem über dieses Volk gekommen. Millionen von Flüchtlingen sind über die ganze Welt verstreut. Im Land selbst haben sich Verbrecherbanden über die Jahre die Klinke die Hand gegeben, zum jetzigen Zeitpunkt ist es die gefürchtete Splittergruppe von al-qaida, mit dem Namen, al-shabab. (Es bedeutet in arabisch; die Jugendlichen)
Die Regierung des Landes kontrolliert immer noch nur einen kleinen Teil des Landes. Noch immer ist es ein Gebiet das nur unter schwersten Bedingungen und extremen Sicherheitsmassnahmen bereist werden kann. (Schutzgeld für eine weisse Person pro Tag nicht unter 500$)
Die ganze Region am Horn von Afrika wurde durch den Super GAU in Somalia destabilisiert. Der inzwischen 25 Jahre zurückliegende "total meltdown of law and order" der totale Zusammenbruch von Recht und Ordnung, ist seit langem aus dem Bewusstsein der Weltöffentlichkeit verschwunden. Der eine oder andere Flüchtling aus Somalia, der sich zwischen die vielen Syrern, Irakern und Afghanen mengt, erinnert an die sich immer noch abspielende Katastrophe im Horn von Afrika.

Einfluss auf die Kirche

Die Menschen, denen wir täglich begegnen und Hoffnung geben, kommen aus dieser von Hoffnungslosigkeit gezeichneten Region. Die grosse Mehrheit leidet unter mehr oder weniger deutlichen Anzeichen von Posttraumatischen Störungen, sind krank, haben nur das eine Ziel: sie wollen in den Westen weil sie Hoffnung auf ein zu Hause längst aufgegeben haben. In diesem Kontext erleben wir Gemeindebau und Evangelisation. Der Wahrheitsbegriff ist nur sehr vage definiert, dementsprechend schwer ist es zu wissen, wem man wie weit vertrauen kann und darf. Der Überlebensdrang, die Resilienz führt zu ganz erstaunlichen Leistungen. Allerdings treffen oftmals die Wertvorstellungen von Menschen aus dem geordneten Westen mit denen, die jahrzehntelang im absoluten Chaos gelebt haben, so zusammen dass es knallt. Enttäuschungen geschehen oft und sind tief, das sicherlich auf beiden Seiten. 
Nur zu oft geschieht es dass wichtige Personen, Christen aus Somalia von denen es ohnehin nur sehr wenige gibt, aus dem Geschehen gerissen werden, sei es durch Umsiedlung mittels UN in ein sicheres Land oder durch gewaltsame Aktionen die oft einer Hinrichtung gleichen. Lang ist die Liste von Märtyrern, einige von ihnen kannten wir sehr gut. Immer wieder kommen neue, tapfere, leidensbereite junge Männer und Frauen hinzu, die bereit sind mit ihrem Leben einzustehen und sich für den Bau der Gemeinde Jesu zur Verfügung zu stellen. Auch auf die Gefahr hin dass es ihr Leben kosten kann.
Wir können nur auf das Wort des Herrn selber vertrauen, der sagt dass Er selber es ist, der seine Gemeinde baut, allen Widerständen zum Trotz. 

Montag, 18. April 2016

Sprachverwirrung und die Kunst einander zu verstehen


"You can shukisha me hapa" - ruft mir die deutsche Missionarin von hinten im Bus zu. Ich halte an und lasse sie aussteigen, denn das ist es wonach sie gefragt hat. Der Satz ist ein Mix aus English und Kisuaheli. Dass sie es nicht in 4 Sprachen gesagt hat, ist erstaunlich, denn sie spricht auch fliessend Somali neben ihrer Muttersprache Deutsch.
Die letzten Tage hatten wir Besuch von unserem Leiter aus dem Heimatland, zusammen mit ihm kam ein Freund aus Amerika der seit über 30 Jahren in Deutschland lebt. Der Leiter spricht neben Deutsch fliessend Portugiesisch, der Freund neben Deutsch natürlich seine Muttersprache Englisch. Während der Reise fühlt es sich an als jonglieren wir mit zu vielen Bällen, versuchen alle gleichzeitig in der Luft zu halten und keinen zu verlieren. In Garissa erleben wir den Gottesdienst viersprachig. T. predigt in Deutsch, ich übersetze ihn in Englisch. Amos übersetzt mich in Kisuaheli und lässt immer wieder Teile in seiner Stammessprache einfliessen, denn die Mehrheit der Gottesdienstbesucher kommt aus einem bestimmten Landesteil. Es schien, dass nur wenig in der Übersetzung verlorenging.

Interkulturelle Kommunikation

So schön die Vielfalt der Sprachen auch ist, einfach ist es nicht, die Kommunikation so zu halten, dass Missverständnisse gering gehalten werden. Das Konfliktpotential ist riesig. Tauchen diese doch sogar schon in der eigenen Muttersprache auf. Feinheiten und Nuancen werden durch Gestik und Mimik ausgedrückt. Je nach kultureller Prägung kann die Interpretation ganz unterschiedlich ausfallen. Die herausgestreckte Zunge bei der Wegbeschreibung in Somali wirkt nicht nur befremdlich sondern durchaus anstössig in einem anderen Umfeld. Die Bereitschaft über den eigenen Kulturschatten zu springen wird in der interkulturellen Kommunikation sehr sehr wichtig.

Computerprobleme

In diesen Tagen versuche ich meinen Computer zu verstehen. Allerdings spricht er eine völlig andere Sprache als ich.  Er spricht von korrupten Dateien, von Pfaden die er nicht finden kann oder, dass er plötzlich nicht mehr in der Lage ist bestimmte Anhänge zu öffnen. Früher erklärte er sich ohne Murren und Zagen bereit all diese Befehle auszuführen, er hat mich bis dahin offensichtlich verstanden.
Ich werde mich aufmachen müssen um nach einem Übersetzer zu suchen, der den Hintergrund dieser Maschine versteht so dass wir in Zukunft wieder problemlos miteinander kommunizieren können, so überlege ich noch, nicht wirklich wissend an wen ich mich wenden soll.
Das Wunder geschah schneller als ich dachte. Mit meinem Freund P. schicke ich einige Nachrichten zwischen Deutschland und Kenia hin und her. Wir vereinbaren Sonntag nachmittag um 3 Uhr seine Zeit, um 4 Uhr meine Zeit. Ein Computerprogramm muss auf den Computer heruntergeladen warden und wir treffen uns virtuell zur vereinbarten Zeit. Nach kurzer Begrüssung sehe ich plötzlich wie auf meinem Bildschirm sich Fenster öffnen, von deren Existenz ich keine Ahnung hatte. Über tausende von Kilometern überzeugt P. meinen Computer, dass er wieder auf meine Befehle reagiert. Einige virtuelle Tassen Kaffee später, ausgiebigem Nachrichtenaustausch über Gemeinde, Familie und Freunde, verabschieden wir uns. Das angenehme Gefühl von gelungener Kommunikation bleibt bei mir im Bauch. Mission accomplished - Ziel erreicht. Einmal mehr hat das Wunder der Technik Faszination ausgelöst. Der richtige Input bringt den erwünschten Output.
Gelungene Kommunikation - wünschen wir uns das nicht alle? Dass wir uns verstehen, dass wir gehört und verstanden werden.

1. Kor. 1,18 im Neuen Testament: "... Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren gehen, uns aber die wir gerettet werden ist es eine Gotteskraft." Das, was für die einen als barer Unsinn erscheint, erweist sich für uns, die wir der Botschaft  vertrauen als Gotteskraft. Gott kann verstanden werden, Er will sich erklären und gehört werden. Alles was er braucht, ist ein hörendes Ohr und ein offenes Herz. Hier gilt das gleiche Prinzip: Input von Gottes Wort bringt Output in der Form von Transformation.



Freitag, 8. April 2016

A time to remember - Erinnerungen - Amboseli Nationalpark






Besondere Tage markieren besondere Ereignisse. Die Semesterferien waren lange genug um unserer Tochter die Gelegenheit zu geben kurz nach Hause zu kommen. Für uns ein Anlass eines Besuches des berühmten Nationalparks Amboseli ganz im Süden des Landes. Der Park grenzt unmittelbar an Tanzania und gibt somit einen ungehinderten Blick auf Mt. Kilimanjaro frei. Mit 6000m ist er der höchste Berg des afrikanischen Kontinents.
Das Schmelzwasser der Gletscher  auf dem lange erloschenen Vulkangipfel, fliesst durch die porösen Schichten aus Lavagestein.  Bäche und Sümpfe werden davon gespeist und machen diesen Nationalpark zu einem wahren Tierparadies. Unzählige Elefanten haben in den Sümpfen inmitten der Savanne ihr Vergnügen. Grosse Gnuherden, in denen die frischen Kälber ihre Hakenschläge üben um den immerwährenden Gefahren von Löwen oder Geparden gewappnet zu sein, durchziehen die Steppe. 
Auch in der Mittagshitze sind die Löwen präsent, liegen entspannt unter dem Schatten der vereinzelten Akazienbäume. Gruppen von Straussen suchen sich ihr Futter, daneben die wunderschönen Kronenkraniche, die scheinbar immer nur als Paare auftreten. Hyänen sind bekannt als die Müllabfuhr der Wildnis, schaffen es sogar Elefantenknochen zu zerbeissen und eigentlich sehen auch sie ganz zutraulich aus. Aber es gibt schönere Tiere, da ist die Gruppe von Geparden mit ihrer schönen Zeichnung auf dem Kopf.


Unser gemeinsamer trip durch den Park mit Hanna-Joy wird zu einer Zeitreise. Es war der 29.3. ihr Geburtstag, der uns  an ihren 4. Geburtstag damals in Wajir erinnerte:
Die flimmernde Hitze, das Rattern über die waschbrettartigen Schotterpisten, aufgewirbelter Staub der sich noch hunderte von Metern hinter dem Auto entlangzieht. Hirten, die vereinzelt Flaschen oder andere Kanister hochheben um zu zeigen dass akuter Wassermangel herrscht. Im Hintergrund grosse Ziegen- und Schafherden die nach dem spärlichen grün sucht, das für unsere Augen kaum mehr zu erkennen ist.
All das transportiert uns 17 Jahre zurück, in den März 1999. Wir waren ganz frisch in Kenia angekommen, Hanna-Joy wurde gerade 4 und Joas Benjamin war 2 geworden. Wir waren so grün, alles war neu. Noch keine 2 Wochen im Lande und schon ging es los in die Wüste nach Wajir.
Überwältigend, das erste mal in einer Umgebung zu sein, in der Islam das absolute Monopol hat. Abgesehen von kurzen Besuchen in Pakistan und der Türkei, war das die erste Konfrontation mit einer Entscheidung die wir Jahre zuvor getroffen hatten. Wir wollten dem Herrn dienen, in einem Volk das Jesus nicht kennt. Hier würde der Ort sein in dem wir unsere Energie und Liebe einsetzen werden. Hier würden wir unseren Haushalt einrichten, hier werden wir neue Freunde machen, sie verstehen indem wir ihre Sprache lernen und ihre Denkweise. So wurde Wajir zu unserem Zuhause, die Geräusche, die Stimmen der Vögel, die Gerüche und die Lebensform der Menschen hat sich tief hineingebrannt in unsere Seelen.


Diese Fahrt durch den Park brachte alle diese Kindheitserinnerungen wieder ans Tageslicht, Selbst die Skorpione die sich unter den Steinen vor unserem camp versteckten,  gehörten zu dieser Zeitreise und lösen eine Vertrautheit aus.
Seit gestern sind wir wieder in Kijabe. Auch da tut die Vertrautheit gut, der Blick hinunter aufs "Rift Valley". Der Anblick der Vulkankegel des Mt. Longonot und Mt. Suswa in dem vor uns sich weit ausbreitenden grossen Grabenbruch, löst Ehrfurcht aus vor dem, der alles so wunderbar geschaffen hat.
Kein Wunder, dass jeder, der hier einmal gelebt hat, sich danach sehnt wieder hierher zurückzukommen.


Donnerstag, 24. März 2016

Garissa, Paris und Brüssel




Die Temperaturen lassen das Thermometer auf weit über 40 grad ansteigen, wir trinken Wasser wie Kamele, schwitzen wie in der Sauna. Der Wind ist so heiss als käme er direkt aus dem Haartrockner.
Die Sonne steht direkt über dem Äquator, in der Somalisprache nennen wir diese Zeit 'Jilaal' die Zeit des heissen Windes. Mensch und Tier haben es nicht leicht in dieser Jahreszeit.
Wir haben das angenehme Klima des Hochlandes von Kenia verlassen und befinden uns im Tiefland des Tanaflusses.
Garissa ist in den letzten Jahren Zeugin von ungezählten Terrorattacken geworden. Zwei davon gingen in die Geschichte Kenias ein. Diese beiden wurden in dieser Woche journalistisch aufgegriffen und nachbereitet.
Letztes Jahr, noch in Deutschland fing es so an, dass ein Email zum nächsten führte, danach ein Besuch aus Holland bei uns in Langenberg. Immer wieder fanden skype Gespräche statt. Der holländische Mitarbeiter einer Organisation, die sich um die Belange von verfolgten Christen kümmert, bat mich darum mit ihm an jene Stätten zu fahren die besonders betroffen waren.
Inzwischen waren wir zurück in Kenia, ich machte meinen ersten Besuch in Garissa vor etwa einem Monat (im blog unter "400 km ..." nachzulesen), traf wichtige Schlüsselpersonen.
Letzte Woche Samstag packten wir alle wichtigen Ausrüstungsgegenstände ins Auto um an den Schauplätzen zu drehen.
Die Reise verlief störungsfrei, selbst die Polizei lässt uns unbehelligt nach Garissa einfahren. Während der Fahrt halte ich Pastor Eliud informiert über unseren Reiseverlauf. Samstag mittag schon treffen wir ein und nach einer kurzen Pause fahren wir ins Gemeindebüro um dort mit dem Pastor das erste Gespräch zu führen. Der Ventilator rattert, gibt was er kann. Kühlung bringt er keine, er wälzt nur noch die heisse Luft um.
Beim Rundgang durch die Kirche spiele ich in Gedanken die Szenen durch, die sich am 1. Juli 2012 dort abgespielt haben müssen. Die Gewehrschüsse und Handgranaten haben genügend Spuren hinterlassen um zu wissen, es ist tatsächlich geschehen. Die inzwischen schön gestrichenen Wände und der frisch geflieste Boden kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Blut von 17 Märtyrern den Boden getränkt hat.
Eine der vielen Einschüsse von Gewehrkugeln
Am Sonntag nach dem Gottesdienst wird es für 2 der Besucher sehr emotional. Vor laufender Kamera durchleben sie das geschehene noch einmal. Der Moment als die 2 Polizisten vor der Tür kaltblütig erschossen wurden, als die Terroristen mit den erbeuteten Waffen der Polizisten den laufenden Gottesdienst stürmten nachdem schon eine Granate Verwüstung und absolute Panik ausgelöst hatte. Wahllos feuerten sie in die Menge der Gläubigen. Titus kann sich nur noch erinnern, dass er sich sofort auf den Boden warf, Gesicht nach unten. Dass er gebetet hat, das weiss er noch genau, und dass er um Rettung geschrien hat. Die Kugel die durch seine Schulter gedrungen ist, hat er erst bemerkt als Blut unter ihm hervorlief. Die hässliche Narbe zeugt von dem Vorfall, beweist aber auch dass er zu den glücklichen gehört, die überlebt haben. Ob er je überlegt habe, von hier wegzuziehen? Nein, der Gedanke wäre ihm nie gekommen, er lebe seit 1992 hier, habe hier seine Arbeit und überhaupt könne einen der Tod überall treffen.
Der jüngere Mann, der als nächstes seine Geschichte erzählt, hat in der Attacke seinen Bruder verloren und seine Frau wurde schwer verletzt. Benson erinnert sich an jedes Detail und ich fühle etwas von dem Schmerz in seinem Inneren als er erzählt und immer wieder ins stocken kommt. Seine Frau kann nicht mehr zurück nach Garissa und seine Kinder sind schwer traumatisiert und wollen den Namen der Stadt nicht mehr hören.
Und dennoch feiern wir zusammen, afrikanische Gastfreundschaft und die Lust auf Leben ist ungemindert. Die extreme Hitze hält die Jugend nicht von ihrem Volleyballspiel ab das jeden Sonntag nachmittag auf dem Gemeindegrundstück stattfindet. Von 200 Gemeindegliedern sank der Besuch auf 40 ab, hat aber inzwischen schon fast wieder die normale Grösse erreicht. Das Leben geht weiter, muss weitergehen. Terror wird die Kirche nicht unterkriegen können, wir sind hier um zu bleiben, darin sind sich alle einig. Das heisst natürlich nicht, dass nicht manche noch mit Alpträumen und Ängsten zu kämpfen haben. With God's help, life must go on, ist die einhellige Meinung. Mit Gottes Hilfe wird das Leben weitergehen. Wir sind bewegt von der Resilienz und dem Gottvertrauen unserer Freunde.
Der nächste Tag auf unserem Programm wird vielleicht noch schwerer, darin sind wir uns als Team einig. Montag morgen sprechen wir beim Chef der Region vor. Ein kurzer Telefonanruf öffnet uns die Tür zu einer der am besten bewachten Institution Kenias. Wow, wir sind drin, kaum zu glauben.
Am 2. April letzten Jahres wurde dieses Zentrum höheren Lernens, Garissa University College, zum Schauplatz des grössten und grausamsten Massakers in der jüngeren Geschichte des Landes. (Es war Gründonnerstag als es geschah, es ist Gründonnerstag während ich diese Zeilen schreibe).
Wir werden von einem sehr freundlichen Dean of students empfangen. Er ist derjenige, der sich um alle Belange der Studenten kümmert. Er nimmt sich die Zeit, wir merken dass er mehr und mehr in die Geschichte, die er erzählt, hineintaucht. Während wir durch die Universität gehen, bleibt unser neuer Freund stehen, er zeigt auf den Raum wo 20 Studenten zum Morgengebet zusammen waren. Seine Augen werden feucht, als er sich an ihre Namen und Gesichter erinnert. Es ist als sieht er sie vor sich, die jungen Menschen, die eben noch Lieder sangen. Einige Meter weiter zeigt er auf einen Flur in dem etliche im Kugelhagel starben. Das ist aber nur der Anfang, denn wir sind auf dem Weg zu dem 4 stöckigen Gebäude das traurige Berühmtheit erlangt hat. Dorthin flüchteten viele der Studenten und hofften sie würden rechtzeitig gerettet werden. Dort wurden sie eingeschlossen, für sie gab es keinen Ausweg mehr. Obwohl die Tragödie schon frühmorgens um 5:30 begann, erreichte sie ihren Höhepunkt erst gegen 13:30. Das Militär riegelte die Uni nach den ersten Schüssen weiträumig ab,warteten aber geduldig auf die Spezialeinheit aus Nairobi. In der Zwischenzeit konnten 5 Terroristen fast unbehelligt ihre Tat zu Ende bringen. 120 Studenten wurden dort in dem Innenhof des verschlossenen Gebäudes regelrecht exekutiert. Die Spezialeinheit kam viel zu spät. Heute erinnert ein kleiner Park mit 147 Bäumchen an die Opfer. Am 2.4. wird ein Mahnmal enthüllt werden das helfen soll, nicht zu vergessen.
Die Leitung der Uni hat sich leidenschaftlich für eine Wiedereröffnung eingesetzt. So geschah es Anfang Januar, nur 9 Monate später. Auch hier kommt eine deutliche Botschaft: Terrorismus ist ein globales Phänomen, wir dürfen und können uns nicht einschüchtern lassen. Wir müssen nach vorne gehen, sie dürfen nicht gewinnen. Religion, Kultur darf uns nicht trennen. Wir gehören zusammen.
Zum Schluss laden wir unseren Gastgeber, Mr. Mohamed unseren neuen Freund, zu einem gemeinsamen Abendessen ein. Ein voller Tag mit tiefen Eindrücken.
Auf dem Weg nach Hause erreicht uns die Nachricht von den Attacken in Brüssel. Fast ungläubig schauen wir uns an, kommen aus einem Ort der viel Elend gesehen hat und realisieren dass es stimmt was unser Freund Mohamed sagte, "Terrorismus ist ein globales Phänomen!"
Trotz Leid in der Welt haben wir allen Grund zu hoffen, denn Jesus hat den Tod besiegt.
Am Sonntag feiern wir den Sieg Jesu und rufen:"Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!"

Samstag, 12. März 2016

Kann ich Dir vertrauen?





In dem dreitägigen Seminar sind die Stunden gefüllt mit einer Sprache von der ich nur wenige Worte verstehe. Kikuyu ist eine Bantu Sprachen. Bantu ist eine riesige Gruppe von Menschen, in etwa 200 ethnische Gruppen unterteilt, die in Subsahara Afrika lebt. https://de.wikipedia.org/wiki/Bantu . Bantu Sprachen haben gemeinsame Wurzeln, ähnlich wie Latein, in der viele Sprachen ihre gemeinsamen Wurzeln haben.
Die Moderatoren sind ebenfalls Kikuyu. Sie schaffen es, schwierige Konzepte zu erklären. Flipcharts mit Haftnotizen sind an den Wänden geklebt, die Disziplin is vorzüglich. 30 Personen sitzen zusammen, in kleinen Gruppen aufgeteilt. Ich schau mir die Hände an, Hände die schwere Arbeit auf den oft viel zu kleinen Feldern gewohnt sind.

Es geht um unsere Dorfgemeinschaft

Der Raum ist energie geladen, es geht um unsere Dorfgemeinschaft. “Ja, wir sind arm, die Politiker lassen uns im Stich. Die Strassen sind schlecht, unser Essen reicht nicht, Geld ist immer knapp um unsere Kinder auf die höhere Schule zu schicken. Wir arbeiten hart, aber es reicht hinten und vorne nicht. Wir wollen dass unser Dorf ein besserer Platz wird, unsere Familien gesund sind und wir in Wohlstand leben können.”
Am Ende des ersten Tages realisiert Jane: “wir Afrikaner wissen nicht was hinter der Dorfgrenze liegt, wir reisen nicht, unsere Augen haben nicht die Welt gesehen.” Rahel meint: “Ich wusste gar nicht dass im Nachbardorf Bienenstöcke sind und damit Geld verdient werden kann.” John stellt erstaunt fest, dass ‘wir reich sind an Resourcen’.
In den Gruppenarbeiten sind herzliche Lacher zu hören, konstantes Grummeln zeigt uns dass die Diskussionen lebendig sind und keiner gelangweilt ist.

Die Macht der Sprache

Ich erkenne die Macht der Sprache, die in der Kultur verankert ist. Den Teilnehmern wird die Fragestellung klar, nicht in English, nicht in Kisuaheli, erst in der Muttersprache macht es klick für die Leute. Und dann wiederum erst wenn die Beispiele aus ihrem Lebensalltag gebraucht werden. Kohl, Kartoffeln, Bohnen und Mais und was sonst im Garten wächst, prägt ihr Leben. Plötzlich wird abstraktes in konkretes, anfassbares verwandelt. Dieser kreative, stimulierende Denkprozess fördert die Akzeptanz des anderen. In mir wächst  Hoffnung dass dadurch Transformation eingeleitet wird. Es mag aussehen wie ein kleiner Ausschnitt aus der Vielzahl der Probleme die sie haben, aber es ist ein Anfang.
Selbst nach Stunden harter Denkarbeit wird noch keiner müde. Die Stimmung ist gut, wir hören Kommentare, im Sinne ‘dass Gott in unserem Dorf eine Transformation bewirkt, und wir dürfen praktisch mit Hand anlegen. Wir sind nicht länger nur ein Spielball der Politiker, die alle 5 Jahre auftauchen um ihre Wiederwahl zu sichern.’ Sie sagen: “wir wollen nicht länger von den Zwischenhändlern um unseren wohlverdienten Profit gebracht werden.”
Ja, es sind einfache Menschen, oft mit wenig Schulbildung, es sind gute Leute, die aus wenig viel machen können.
Die Gruppenarbeiten bringen uns zu den tieferliegenden Problemen wie z.B. das Thema Lebensmittelknappheit (trotz fruchtbarem Boden). Das andere Thema ist der Mangel an Toiletten, das führt dazu dass die Leute aufs offene Feld gehen. Daneben gibt es noch andere Themen die bearbeitet werden. Diese Themen werden nun aufgegriffen mit der Frage, “wie können wir unsere Probleme angehen?” Der darauf folgende Aktionsplan zeigt genau in welcher zeitlichen Abfolge was getan wird.
In etwa einem Monat gehen wir zurück in das Dorf um zu sehen welche Früchte aus dieser Denk- und Kommunikations Arbeit entstanden ist. Ich freue mich schon zu sehen und zu erleben wie diese Menschen in Selbstbewusstsein gewachsen sein werden.

Das Prinzip hinter Dorfgesundheitsentwicklung

Für Dörte und mich ist es das Training das wir brauchen um im Osten des Landes das gleiche Prinzip anzuwenden. Es ist ein Prinzip das überall angewendet werden kann, es kann Türen in bisher verschlossene Gebiete, öffnen. Das Prinzip muss erlernt werden, wir müssen genau wissen mit wem wir sprechen müssen damit wir vom Dorf akzeptiert werden. Wenn eine wichtige Person übersehen wird, kann das schon das Ende bedeuten und die Tür geht nicht auf. Wir merken mehr und mehr wie delikat das Gewebe der Gesellschaft ist und mit welchem Feingefühl wir operieren müssen.
Zum Schluss ein Zitat von einem Moderator: “die Leute im Dorf wollen nicht wissen was in Deinem Kopf ist, sondern was in Deinem Herzen ist, sie wollen wissen ob sie Dir vertrauen können.”

Freitag, 4. März 2016

Einigkeit macht stark


Veränderung durch Kommunikation 

nach jahrzehntelanger verfehlter Entwicklungspolitik wuchs in den letzten Jahren die Erkenntnis, dass der Schlüssel zu positiver Veränderung in den Menschen selber liegt.
In organisierten workshops schauen wir uns gemeinsam all das gute an, das wir haben. Wir merken, wir sind gar nicht arm, sondern reich beschenkt. In Kleingruppen wird die Frage diskutiert warum dennoch unsere Kinder krank sind, unsere Männer trinken, und Frauen und Mädchen in der Prostitution landen.
Eine Auswahl von Personen aus dem Dorf kommen zusammen, da sind die Meinungsmacher, die Chiefs, die Pastoren, Regierungsbeamte und Geschäftsfrauen. Alle kommen zusammen um in einem mehrtägigen interaktiven workshop über die Probleme ihrer Heimatgemeinde zu diskutieren und nach Lösungen zu suchen. Wir versuchen die Menschen aus ihrer Lethargie herauszuführen, indem sie auf ihr Potential sehen und gemeinsam Lösungsansätze entwickeln.
Für Dörte und mich ist der Ansatz nicht neu, aber es gibt viele gruppendynamische Prozesse zu lernen und so zu verinnerlichen dass wir sie als Gepäck quasi im Koffer dabei haben, während wir uns auf Dorfgesundheitsentwicklung vorbereiten.
Hier in Afrika und anderswo wird die Rolle des Mittlers immer wichtiger, es ist nicht der Lehrer der die Lösung bringt, es ist vielmehr das Öffnen der Augen das den Unterschied macht, und das Eröffnen einer gesunden Kommunikation zwischen allen Ebenen der Gemeinschaft.

Beispiel Kamburu:

ein Dorf etwa 40 km von Kijabe entfernt, inmitten der immergrünen Teefelder. Frauen und Männer pflücken die oberen 3 Blätter von der Teepflanze damit in den nahegelegenen Teeaufbereitungsanlagen das frisch geerntete  Gut zu Tee verarbeitet wird. Kenianischer Tee ist weltweit verbreitet und als Köstlichkeit geschätzt. Nebenbei bemerkt gedeiht die Teepflanze nur in hoch gelegenen Gebieten wo die Temperaturen relativ niedrig sind, Sonnenschein perfekt ist und Niederschläge fast täglich fallen.
Wer wünscht sich das nicht, das perfekte Klima, nicht zu heiss und nicht zu kalt? In den Birnenplantagen die ebenfalls hier zu finden sind, sind die Birnen kurz vor der Ernte, selbst Äpfel gedeihen hier. Kein Wunder dass die ersten Siedler die um die letzte Jahrhundertwende aus England hier ankamen, diese Region, das Hochland von Zentralkenia als fast paradiesisch empfanden.

Der Stamm der Kikuyu, 

die diese Gegend seit vielen Jahrhunderten bewohnen fing schon bald an sich gegen die Kolonialregierung Grossbritanniens aufzulehnen. In den 30 er und 40 er Jahren des letzten Jahrhunderts begann schleichend die Rebellion bis sie in den 50 er Jahren zu einem ausgedehnten Guerillakrieg wurde. Diese Rebellion ging als der Mau Mau Aufstand in die Geschichte ein, viele Menschen fielen dieser Rebellion zum Opfer, in der Mehrzahl waren es Kikuyu die den Preis für die Freiheit bezahlten.
1963 wurde der Anführer dieser Rebellion zum ersten Präsidenten der neu ausgerufenen Republik Kenya ernannt, Jomo Kenyatta. Der Union Jack machte Platz für die Flagge dieses neuen souveränen Staates.
Kamburu, der Ort an dem wir unseren workshop durchführen ist ganz in der Nähe von Jomo Kenyattas Heimatdorf, dort wo der Kampf um die Freiheit begann. Heute ist dieses Volk in Kenya am weitesten verbreitet und hat sehr grossen Einfluss in allen Bereichen des Lebens. Ihr Unternehmergeist und Risikobereitschaft zu Investitionen in jeder Art von Geschäften ist bewundernswert. Uhuru Kenyatta, der älteste Sohn Jomo Kenyattas  ist seit 2013 der vierte Präsident Kenyas. Uhuru kommt aus der Kisuaheli Sprache und bedeutet Freiheit. Jomo erlangte im Jahr der Geburt seines ersten Sohnes die Freiheit von der britischen Kolonialregierung. Daher der Name “Freiheit” des amtierenden kenianischen Präsidenten.
Viel muss noch getan werden damit Einigkeit entsteht zwischen den über 40 verschiedenen Volksgruppen die Kenya zu dem Land machen das es ist. Keine leichte Aufgabe für die Regierung Kenyattas.

Sonntag, 28. Februar 2016

Kairos Kenia

Kairos Kenia

Wir treffen uns in der Kapelle, eine alte Werkstatthalle auf dem grossen und immer weiter wachsenden Gelände von Kijabe Hospital. Das Gebäude hat nichts sakrileges an sich, nebenan hämmern die Schmiede. Mit 35 Teilnehmern und 7 Moderatoren, aus Velbert, Amerika, Australien und Kenia ist diese Kairosgruppe die grösste die wir bisher erlebt haben. Eine Vielzahl von Sprachen und Stämmen und eine Schattierung der Hautfarben von tiefschwarz bis weiss. Die Südsudanesischen Krankenpfleger kamen durch ein Stipendium nach Kijabe für eine Zusatzausbildung zum Narkosetechniker. Der Südsudan ist das jüngste souveräne Land der Welt, erst seit 2011 ist es im Genuss seiner Unabhängigkeit vom arabischen Khartoum. Bedingt durch die Geschichte dieses Landes besitzen nur wenige über eine Schulbildung, die über die 3. Klasse Grundschule hinausgeht. Dadurch werden die bald frisch absolvierten Narkosetechniker in ihrem Land einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsversorgung leisten.
Während der Teepause nehme ich staunend wahr wieviele Sprachgruppen hier vertreten sind. Die tiefschwarzen Südsudanesen plaudern fröhlich in arabisch miteinander, die Sprache, die hunderte von Stämmen im Südsudan als Handelssprache verbindet. Viele von ihnen sind sehr verfeindet. Ich frage Walery* wie es ihr geht wenn sie mit Karlo* zusammen arbeiten muss, dessen Stamm schlimme Dinge getan hat und sie es in Juba, der Hauptstadt vom Südsudan, sogar miterlebt hat? - “Wir müssen vergeben, es gibt keinen anderen  Ausweg ausser Vergebung, und ich habe jetzt die Kraft zu vergeben weil Jesus mir meine Schuld vergeben hat. Es gibt keine andere Lösung diese endlose Spirale der Gewalt zu unterbrechen. Nein, ich empfinde keinen Hass gegen Karlo, nur weil er vom Stamm der Dinka kommt. Jesus hat den Hass gegen Liebe eingetauscht.”
Wer den Konflikt im Südsudan nur annähernd kennt, der weiss, daß Walerys Herzensveränderung nicht weniger ist als ein Wunder. Normal ist das auf keinen Fall. Die anderen Teilnehmer sind Angestellte im Kijabe Hospital, Verantwortliche in Kirchen und kenianische Missionare die schon in einer abgelegenen Volksgruppe an der Küste arbeiten.
In der Kleingruppe die Dörte und ich betreuen, werden die Gespräche schnell sehr ehrlich, die Masken fallen. Sie reden von den Erfahrungen und Ängsten und Ambitionen die sie haben. Wir werden Zeugen davon wie in der noch jungen afrikanischen Kirche das Feuer der Mission, die Ausbreitung des Evangeliums, brennt.

In einer meiner Andachten

 erzähle ich von meinem indischen Kollegen, der aus den Bergen am Fusse des Himalaja kommt. Seine Urgrosseltern waren noch sehr damit beschäftigt sich als Kannibalen gegenseitig aufzuessen. Als das Evangelium kam und die ersten sich bekehrten wurde diese Praxis als erstes abgeschafft, Friede und Wohlstand durchzieht heute diese Gegend von Nordost-Indien. Viele Missionare ziehen jetzt von dort aus, um die Botschaft von Vergebung und Frieden zu verbreiten. Unsere Südsudanesen können sehr viel mit dieser Art von Beispielen anfangen.
Durch ein Rollenspiel leiten wir die Teilnehmer dazu an, in eine andere Kultur und andere Sprache zu wechseln. Für mich ein völlig faszinierendes Erlebnis, meinen afrikanischen Geschwistern geht es genauso wie Dörte und mir, als wir vor 16 Jahren zum erstenmal gemeinsam den Boden von Wajir betraten. Alles ist fremd, man versteht sich nicht, misinterpretiert Gesten und Aussagen. Erst durch das Erlernen der Kultur und Sprache findest Du Eingang und Akzeptanz in der neuen Gemeinschaft. Spielerisch kann so ein Kulturschock nachempfunden werden. Bei vielen wurden Erinnerungen geweckt, wo sie schon einmal Kulturgrenzen überwinden mussten. Eine gute Gelegenheit den eigenen "Ethnozentrismus" (Denken dass wir Deutsche, Amerikaner etc. die besten seien und unsere Kultur weit über der anderen steht) zu reflektieren. Der kann u.a. ein sehr grosses Hindernis sein bei Integration von Flüchtlingen. Diese Mauern müssen fallen, um den anderen, den Fremden, als gleichwertig und von Gott geliebt, anzunehmen. Ethnozentrismus begegnet uns überall, auch hier in Afrika, in Kenia. In einem Land das aus 46 verschiedenen Volksgruppen mit eigenen Sprachen besteht, nicht verwunderlich. Es ist ein hässliches Tier, das gerne während der Wahlkämpfe sein Haupt erhebt um Unheil anzurichten.

Versöhnung

Als Kirche arbeiten wir gezielt daraufhin, dass Menschen aus allen ethnischen Gruppen sich als Brüder und Schwestern verstehen. Es gibt nichts schöneres als ehemalige Feinde die sich gegenseitig vergeben, weil Jesus ihnen zuerst vergeben hat.  Ethnische Grenzen fallen, Barrieren werden niedergerissen, Worte aus der Bibel werden vor unseren Augen wahr. Noch aufregender aber wird es, wenn aufgrund einer erneuerten, biblischen Weltsicht ein Christ aus seiner Komfortzone rausgeht, um Stammesgrenzen zu überwinden um Jesus in ein feindliches Gebiet zu bringen. Das geschieht weltweit, unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, unter grossen Opfern ziehen afrikanische, asiatische, lateinamerikanische Missionare aus um das weiterzugeben, was sie selbst umsonst empfangen haben.
Dörte und ich beobachten eine  Bewegung, die sich durch Ostafrika und wahrscheinlich durch den gesamten afrikanischen Kontinent zieht. Von überall werden Menschen nach überall gesandt, um Jesus dort bekannt zu machen, wo sein Name noch nicht bekannt ist.
Wir leben in einer aufregenden Zeit. Seite an Seite mit Menschen aus allen Nationen, mit der gleichen Leidenschaft, mit dem gleichen Ruf, mit der Botschaft: “Lasst Euch versöhnen mit Gott!”