Die Temperaturen lassen das Thermometer auf weit über 40 grad ansteigen, wir trinken Wasser wie Kamele, schwitzen wie in der Sauna. Der Wind ist so heiss als käme er direkt aus dem Haartrockner.
Die Sonne steht direkt über dem Äquator, in der Somalisprache nennen wir diese Zeit 'Jilaal' die Zeit des heissen Windes. Mensch und Tier haben es nicht leicht in dieser Jahreszeit.
Wir haben das angenehme Klima des Hochlandes von Kenia verlassen und befinden uns im Tiefland des Tanaflusses.
Garissa ist in den letzten Jahren Zeugin von ungezählten Terrorattacken geworden. Zwei davon gingen in die Geschichte Kenias ein. Diese beiden wurden in dieser Woche journalistisch aufgegriffen und nachbereitet.
Letztes Jahr, noch in Deutschland fing es so an, dass ein Email zum nächsten führte, danach ein Besuch aus Holland bei uns in Langenberg. Immer wieder fanden skype Gespräche statt. Der holländische Mitarbeiter einer Organisation, die sich um die Belange von verfolgten Christen kümmert, bat mich darum mit ihm an jene Stätten zu fahren die besonders betroffen waren.
Inzwischen waren wir zurück in Kenia, ich machte meinen ersten Besuch in Garissa vor etwa einem Monat (im blog unter "400 km ..." nachzulesen), traf wichtige Schlüsselpersonen.
Letzte Woche Samstag packten wir alle wichtigen Ausrüstungsgegenstände ins Auto um an den Schauplätzen zu drehen.
Die Reise verlief störungsfrei, selbst die Polizei lässt uns unbehelligt nach Garissa einfahren. Während der Fahrt halte ich Pastor Eliud informiert über unseren Reiseverlauf. Samstag mittag schon treffen wir ein und nach einer kurzen Pause fahren wir ins Gemeindebüro um dort mit dem Pastor das erste Gespräch zu führen. Der Ventilator rattert, gibt was er kann. Kühlung bringt er keine, er wälzt nur noch die heisse Luft um.
Beim Rundgang durch die Kirche spiele ich in Gedanken die Szenen durch, die sich am 1. Juli 2012 dort abgespielt haben müssen. Die Gewehrschüsse und Handgranaten haben genügend Spuren hinterlassen um zu wissen, es ist tatsächlich geschehen. Die inzwischen schön gestrichenen Wände und der frisch geflieste Boden kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Blut von 17 Märtyrern den Boden getränkt hat.
| Eine der vielen Einschüsse von Gewehrkugeln |
Der jüngere Mann, der als nächstes seine Geschichte erzählt, hat in der Attacke seinen Bruder verloren und seine Frau wurde schwer verletzt. Benson erinnert sich an jedes Detail und ich fühle etwas von dem Schmerz in seinem Inneren als er erzählt und immer wieder ins stocken kommt. Seine Frau kann nicht mehr zurück nach Garissa und seine Kinder sind schwer traumatisiert und wollen den Namen der Stadt nicht mehr hören.
Und dennoch feiern wir zusammen, afrikanische Gastfreundschaft und die Lust auf Leben ist ungemindert. Die extreme Hitze hält die Jugend nicht von ihrem Volleyballspiel ab das jeden Sonntag nachmittag auf dem Gemeindegrundstück stattfindet. Von 200 Gemeindegliedern sank der Besuch auf 40 ab, hat aber inzwischen schon fast wieder die normale Grösse erreicht. Das Leben geht weiter, muss weitergehen. Terror wird die Kirche nicht unterkriegen können, wir sind hier um zu bleiben, darin sind sich alle einig. Das heisst natürlich nicht, dass nicht manche noch mit Alpträumen und Ängsten zu kämpfen haben. With God's help, life must go on, ist die einhellige Meinung. Mit Gottes Hilfe wird das Leben weitergehen. Wir sind bewegt von der Resilienz und dem Gottvertrauen unserer Freunde.
Der nächste Tag auf unserem Programm wird vielleicht noch schwerer, darin sind wir uns als Team einig. Montag morgen sprechen wir beim Chef der Region vor. Ein kurzer Telefonanruf öffnet uns die Tür zu einer der am besten bewachten Institution Kenias. Wow, wir sind drin, kaum zu glauben.
Am 2. April letzten Jahres wurde dieses Zentrum höheren Lernens, Garissa University College, zum Schauplatz des grössten und grausamsten Massakers in der jüngeren Geschichte des Landes. (Es war Gründonnerstag als es geschah, es ist Gründonnerstag während ich diese Zeilen schreibe).
Wir werden von einem sehr freundlichen Dean of students empfangen. Er ist derjenige, der sich um alle Belange der Studenten kümmert. Er nimmt sich die Zeit, wir merken dass er mehr und mehr in die Geschichte, die er erzählt, hineintaucht. Während wir durch die Universität gehen, bleibt unser neuer Freund stehen, er zeigt auf den Raum wo 20 Studenten zum Morgengebet zusammen waren. Seine Augen werden feucht, als er sich an ihre Namen und Gesichter erinnert. Es ist als sieht er sie vor sich, die jungen Menschen, die eben noch Lieder sangen. Einige Meter weiter zeigt er auf einen Flur in dem etliche im Kugelhagel starben. Das ist aber nur der Anfang, denn wir sind auf dem Weg zu dem 4 stöckigen Gebäude das traurige Berühmtheit erlangt hat. Dorthin flüchteten viele der Studenten und hofften sie würden rechtzeitig gerettet werden. Dort wurden sie eingeschlossen, für sie gab es keinen Ausweg mehr. Obwohl die Tragödie schon frühmorgens um 5:30 begann, erreichte sie ihren Höhepunkt erst gegen 13:30. Das Militär riegelte die Uni nach den ersten Schüssen weiträumig ab,warteten aber geduldig auf die Spezialeinheit aus Nairobi. In der Zwischenzeit konnten 5 Terroristen fast unbehelligt ihre Tat zu Ende bringen. 120 Studenten wurden dort in dem Innenhof des verschlossenen Gebäudes regelrecht exekutiert. Die Spezialeinheit kam viel zu spät. Heute erinnert ein kleiner Park mit 147 Bäumchen an die Opfer. Am 2.4. wird ein Mahnmal enthüllt werden das helfen soll, nicht zu vergessen.
Die Leitung der Uni hat sich leidenschaftlich für eine Wiedereröffnung eingesetzt. So geschah es Anfang Januar, nur 9 Monate später. Auch hier kommt eine deutliche Botschaft: Terrorismus ist ein globales Phänomen, wir dürfen und können uns nicht einschüchtern lassen. Wir müssen nach vorne gehen, sie dürfen nicht gewinnen. Religion, Kultur darf uns nicht trennen. Wir gehören zusammen.
Zum Schluss laden wir unseren Gastgeber, Mr. Mohamed unseren neuen Freund, zu einem gemeinsamen Abendessen ein. Ein voller Tag mit tiefen Eindrücken.
Auf dem Weg nach Hause erreicht uns die Nachricht von den Attacken in Brüssel. Fast ungläubig schauen wir uns an, kommen aus einem Ort der viel Elend gesehen hat und realisieren dass es stimmt was unser Freund Mohamed sagte, "Terrorismus ist ein globales Phänomen!"
Trotz Leid in der Welt haben wir allen Grund zu hoffen, denn Jesus hat den Tod besiegt.
Am Sonntag feiern wir den Sieg Jesu und rufen:"Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!"
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