Kairos Kenia
Wir treffen uns in der Kapelle, eine alte Werkstatthalle auf dem grossen und immer weiter wachsenden Gelände von Kijabe Hospital. Das Gebäude hat nichts sakrileges an sich, nebenan hämmern die Schmiede. Mit 35 Teilnehmern und 7 Moderatoren, aus Velbert, Amerika, Australien und Kenia ist diese Kairosgruppe die grösste die wir bisher erlebt haben. Eine Vielzahl von Sprachen und Stämmen und eine Schattierung der Hautfarben von tiefschwarz bis weiss. Die Südsudanesischen Krankenpfleger kamen durch ein Stipendium nach Kijabe für eine Zusatzausbildung zum Narkosetechniker. Der Südsudan ist das jüngste souveräne Land der Welt, erst seit 2011 ist es im Genuss seiner Unabhängigkeit vom arabischen Khartoum. Bedingt durch die Geschichte dieses Landes besitzen nur wenige über eine Schulbildung, die über die 3. Klasse Grundschule hinausgeht. Dadurch werden die bald frisch absolvierten Narkosetechniker in ihrem Land einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsversorgung leisten.Während der Teepause nehme ich staunend wahr wieviele Sprachgruppen hier vertreten sind. Die tiefschwarzen Südsudanesen plaudern fröhlich in arabisch miteinander, die Sprache, die hunderte von Stämmen im Südsudan als Handelssprache verbindet. Viele von ihnen sind sehr verfeindet. Ich frage Walery* wie es ihr geht wenn sie mit Karlo* zusammen arbeiten muss, dessen Stamm schlimme Dinge getan hat und sie es in Juba, der Hauptstadt vom Südsudan, sogar miterlebt hat? - “Wir müssen vergeben, es gibt keinen anderen Ausweg ausser Vergebung, und ich habe jetzt die Kraft zu vergeben weil Jesus mir meine Schuld vergeben hat. Es gibt keine andere Lösung diese endlose Spirale der Gewalt zu unterbrechen. Nein, ich empfinde keinen Hass gegen Karlo, nur weil er vom Stamm der Dinka kommt. Jesus hat den Hass gegen Liebe eingetauscht.”
Wer den Konflikt im Südsudan nur annähernd kennt, der weiss, daß Walerys Herzensveränderung nicht weniger ist als ein Wunder. Normal ist das auf keinen Fall. Die anderen Teilnehmer sind Angestellte im Kijabe Hospital, Verantwortliche in Kirchen und kenianische Missionare die schon in einer abgelegenen Volksgruppe an der Küste arbeiten.
In der Kleingruppe die Dörte und ich betreuen, werden die Gespräche schnell sehr ehrlich, die Masken fallen. Sie reden von den Erfahrungen und Ängsten und Ambitionen die sie haben. Wir werden Zeugen davon wie in der noch jungen afrikanischen Kirche das Feuer der Mission, die Ausbreitung des Evangeliums, brennt.
In einer meiner Andachten
erzähle ich von meinem indischen Kollegen, der aus den Bergen am Fusse des Himalaja kommt. Seine Urgrosseltern waren noch sehr damit beschäftigt sich als Kannibalen gegenseitig aufzuessen. Als das Evangelium kam und die ersten sich bekehrten wurde diese Praxis als erstes abgeschafft, Friede und Wohlstand durchzieht heute diese Gegend von Nordost-Indien. Viele Missionare ziehen jetzt von dort aus, um die Botschaft von Vergebung und Frieden zu verbreiten. Unsere Südsudanesen können sehr viel mit dieser Art von Beispielen anfangen.Durch ein Rollenspiel leiten wir die Teilnehmer dazu an, in eine andere Kultur und andere Sprache zu wechseln. Für mich ein völlig faszinierendes Erlebnis, meinen afrikanischen Geschwistern geht es genauso wie Dörte und mir, als wir vor 16 Jahren zum erstenmal gemeinsam den Boden von Wajir betraten. Alles ist fremd, man versteht sich nicht, misinterpretiert Gesten und Aussagen. Erst durch das Erlernen der Kultur und Sprache findest Du Eingang und Akzeptanz in der neuen Gemeinschaft. Spielerisch kann so ein Kulturschock nachempfunden werden. Bei vielen wurden Erinnerungen geweckt, wo sie schon einmal Kulturgrenzen überwinden mussten. Eine gute Gelegenheit den eigenen "Ethnozentrismus" (Denken dass wir Deutsche, Amerikaner etc. die besten seien und unsere Kultur weit über der anderen steht) zu reflektieren. Der kann u.a. ein sehr grosses Hindernis sein bei Integration von Flüchtlingen. Diese Mauern müssen fallen, um den anderen, den Fremden, als gleichwertig und von Gott geliebt, anzunehmen. Ethnozentrismus begegnet uns überall, auch hier in Afrika, in Kenia. In einem Land das aus 46 verschiedenen Volksgruppen mit eigenen Sprachen besteht, nicht verwunderlich. Es ist ein hässliches Tier, das gerne während der Wahlkämpfe sein Haupt erhebt um Unheil anzurichten.
Versöhnung
Als Kirche arbeiten wir gezielt daraufhin, dass Menschen aus allen ethnischen Gruppen sich als Brüder und Schwestern verstehen. Es gibt nichts schöneres als ehemalige Feinde die sich gegenseitig vergeben, weil Jesus ihnen zuerst vergeben hat. Ethnische Grenzen fallen, Barrieren werden niedergerissen, Worte aus der Bibel werden vor unseren Augen wahr. Noch aufregender aber wird es, wenn aufgrund einer erneuerten, biblischen Weltsicht ein Christ aus seiner Komfortzone rausgeht, um Stammesgrenzen zu überwinden um Jesus in ein feindliches Gebiet zu bringen. Das geschieht weltweit, unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, unter grossen Opfern ziehen afrikanische, asiatische, lateinamerikanische Missionare aus um das weiterzugeben, was sie selbst umsonst empfangen haben.Dörte und ich beobachten eine Bewegung, die sich durch Ostafrika und wahrscheinlich durch den gesamten afrikanischen Kontinent zieht. Von überall werden Menschen nach überall gesandt, um Jesus dort bekannt zu machen, wo sein Name noch nicht bekannt ist.
Wir leben in einer aufregenden Zeit. Seite an Seite mit Menschen aus allen Nationen, mit der gleichen Leidenschaft, mit dem gleichen Ruf, mit der Botschaft: “Lasst Euch versöhnen mit Gott!”




