Versöhnung
Die zerstörte Kathedrale der ehemaligen "Perle von Ostafrikas" ist zu einem Sinnbild geworden. Was ist denn noch alles zerstört?Bei einem Treffen in Nairobi mit dem König aus dem Südwesten des Landes formulierte er es so: "Was ist nicht zerstört worden, das keine grössere Reparatur und Wiederherstellung bedarf? Wenn ich eine Liste schreiben sollte was wir nicht benötigen, würde die sehr kurz ausfallen. Es mangelt einfach an allem,"
Mit dieser Feststellung fragte er nach Beteiligung unserer Organisation beim Wiederaufbau seines Landes. Unsere Partnerorganisation war in den "guten Jahren", also den 50er bis 70er Jahren in der Region, die er jetzt unter sich hat, stark engagiert im Bereich Bildung und Gesundheitswesen. Die Organisation hat bis heute noch einen guten Ruf, und es gibt manche, die sich danach sehnen, Firmen wie unsere wieder im Land zu haben.
Obwohl er es nur indirekt ansprach, kam die Frage für uns verständlich rüber: "Wie können die verletzten Herzen geheilt werden?"
Jeder Somali, genau wie jeder andere Mensch, hat Zwistigkeiten zu lösen. Erschwerend zu der persönlichen Geschichte des einzelnen kommen die Konflikte in die die Menschen hineingeboren werden. Da ist Krieg gegen andere Länder, Gebiete und Clans. Streitigkeiten mit Nachbarn, Brüdern und Nebenfrauen. Uneinigkeit über Grenzverläufe, Weiden und Kamele. Diskussionen wegen Geld und wegen Khat (sehr verbreitete Droge). Meinungsverschiedenheiten und Ärger in der Schule, auf der Strasse oder zu Hause. Die meisten Somalis tragen Groll oder ganz offenen Hass gegen Leute, die an ihnen in der Vergangenheit falsch gehandelt haben, mit sich herum. Die allermeisten Somalis haben erlebt, wie bitter es ist einen Familienangehörigen durch eine Gewalttat zu verlieren. Wenn jemand stirbt, werden der Familie des Getöteten als Wiedergutmachung von Seiten des Angreifers 100 Kamele übergeben. Wird dieses Blutgeld nicht gezahlt, wird der Clan des Opfers Vergeltung suchen, durch die Hinrichtung des Mörders oder eines Clan-Genossen.
Ein Freund, der einige Jahre wegen eines Mordes nach einem Streit im Gefängnis verbrachte, erzählte uns: "Mir geht es jetzt gut, mein Clan hat die Kamele gezahlt, keiner will mehr etwas von mir. Aber gegenüber Gott werde ich immer schuldig bleiben, das kann mir keiner abnehmen."
Jesus hat uns gelehrt, zu beten: "Vater vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." Was für einen Unterschied würde die Botschaft Christi in der somalischen Gesellschaft machen! Nur durch Jesus sind Somalis imstande, die Feindseligkeiten der Geschichte zu überwinden und zu vergeben. Und nur durch ihn werden sie die Gewissheit bekommen, dass ihnen selbst vergeben ist. (Auszug aus "Gebetsjahr für das somalische Volk")
Hoffnung und Realtität
Es gibt einen Ausweg aus Rache, Hass und Vergeltung. Es gibt Versöhnung zwischen Nationen, Clans, Familien und Brüdern. Besonders wichtig ist uns dass das bei den Christen verstanden wird. Allerdings gelingt das nur wenn Menschen bereit sind sich unter die Autorität Jesu Christ zu stellen. Wenn dies nicht geschieht,gibt es leider auch die Momente wo diese Hoffnung bitter enttäuscht wird. Wenn die alten, vertrauten Wege weiter gegangen werden. Wenn bewusst der biblische Weg abgelehnt wird und Zerstörung gesucht wird um den eigenen Vorteil zu suchen. Letzten Sonntag fanden wir uns in einer berühmt, berüchtigten Polizeistation in Nairobi wieder um Freunden beizustehen die ohne erkennbaren Grund ins Gefängnis geworfen wurden. Haarsträubende Anschuldigungen wurden gemacht, die jeder Grundlage entbehrten. In dem Fall war es offensichtlich ausreichend unsere weissen Gesichter zu zeigen, wir mussten nicht aussagen, Anwesenheit reichte aus. Unser weisser Kollege verbrachte eine Nacht im Knast, sicher ein Ereignis das in seine persönliche Geschichte eingeht. Zellen in Kenia sind nicht mit Zellen in Deutschland zu vergleichen. Für unseren Bruder aus dem Nachbarland war es eine weitere Episode die ihn zermürbt und ihn an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringt. Die Enttäuschung darüber dass wir keine Einigung erzielen konnten, sitzt tief. Habsucht und Gier, Vergeltungssucht und verletzter Stolz sind Motivationsfaktoren die eine immense Energie freisetzen.Hier erleben wir im kleinen das Trauma durch das das Land seit Jahrzehnten durchgeht. Herr, erbarme Dich.