Samstag, 12. März 2016

Kann ich Dir vertrauen?





In dem dreitägigen Seminar sind die Stunden gefüllt mit einer Sprache von der ich nur wenige Worte verstehe. Kikuyu ist eine Bantu Sprachen. Bantu ist eine riesige Gruppe von Menschen, in etwa 200 ethnische Gruppen unterteilt, die in Subsahara Afrika lebt. https://de.wikipedia.org/wiki/Bantu . Bantu Sprachen haben gemeinsame Wurzeln, ähnlich wie Latein, in der viele Sprachen ihre gemeinsamen Wurzeln haben.
Die Moderatoren sind ebenfalls Kikuyu. Sie schaffen es, schwierige Konzepte zu erklären. Flipcharts mit Haftnotizen sind an den Wänden geklebt, die Disziplin is vorzüglich. 30 Personen sitzen zusammen, in kleinen Gruppen aufgeteilt. Ich schau mir die Hände an, Hände die schwere Arbeit auf den oft viel zu kleinen Feldern gewohnt sind.

Es geht um unsere Dorfgemeinschaft

Der Raum ist energie geladen, es geht um unsere Dorfgemeinschaft. “Ja, wir sind arm, die Politiker lassen uns im Stich. Die Strassen sind schlecht, unser Essen reicht nicht, Geld ist immer knapp um unsere Kinder auf die höhere Schule zu schicken. Wir arbeiten hart, aber es reicht hinten und vorne nicht. Wir wollen dass unser Dorf ein besserer Platz wird, unsere Familien gesund sind und wir in Wohlstand leben können.”
Am Ende des ersten Tages realisiert Jane: “wir Afrikaner wissen nicht was hinter der Dorfgrenze liegt, wir reisen nicht, unsere Augen haben nicht die Welt gesehen.” Rahel meint: “Ich wusste gar nicht dass im Nachbardorf Bienenstöcke sind und damit Geld verdient werden kann.” John stellt erstaunt fest, dass ‘wir reich sind an Resourcen’.
In den Gruppenarbeiten sind herzliche Lacher zu hören, konstantes Grummeln zeigt uns dass die Diskussionen lebendig sind und keiner gelangweilt ist.

Die Macht der Sprache

Ich erkenne die Macht der Sprache, die in der Kultur verankert ist. Den Teilnehmern wird die Fragestellung klar, nicht in English, nicht in Kisuaheli, erst in der Muttersprache macht es klick für die Leute. Und dann wiederum erst wenn die Beispiele aus ihrem Lebensalltag gebraucht werden. Kohl, Kartoffeln, Bohnen und Mais und was sonst im Garten wächst, prägt ihr Leben. Plötzlich wird abstraktes in konkretes, anfassbares verwandelt. Dieser kreative, stimulierende Denkprozess fördert die Akzeptanz des anderen. In mir wächst  Hoffnung dass dadurch Transformation eingeleitet wird. Es mag aussehen wie ein kleiner Ausschnitt aus der Vielzahl der Probleme die sie haben, aber es ist ein Anfang.
Selbst nach Stunden harter Denkarbeit wird noch keiner müde. Die Stimmung ist gut, wir hören Kommentare, im Sinne ‘dass Gott in unserem Dorf eine Transformation bewirkt, und wir dürfen praktisch mit Hand anlegen. Wir sind nicht länger nur ein Spielball der Politiker, die alle 5 Jahre auftauchen um ihre Wiederwahl zu sichern.’ Sie sagen: “wir wollen nicht länger von den Zwischenhändlern um unseren wohlverdienten Profit gebracht werden.”
Ja, es sind einfache Menschen, oft mit wenig Schulbildung, es sind gute Leute, die aus wenig viel machen können.
Die Gruppenarbeiten bringen uns zu den tieferliegenden Problemen wie z.B. das Thema Lebensmittelknappheit (trotz fruchtbarem Boden). Das andere Thema ist der Mangel an Toiletten, das führt dazu dass die Leute aufs offene Feld gehen. Daneben gibt es noch andere Themen die bearbeitet werden. Diese Themen werden nun aufgegriffen mit der Frage, “wie können wir unsere Probleme angehen?” Der darauf folgende Aktionsplan zeigt genau in welcher zeitlichen Abfolge was getan wird.
In etwa einem Monat gehen wir zurück in das Dorf um zu sehen welche Früchte aus dieser Denk- und Kommunikations Arbeit entstanden ist. Ich freue mich schon zu sehen und zu erleben wie diese Menschen in Selbstbewusstsein gewachsen sein werden.

Das Prinzip hinter Dorfgesundheitsentwicklung

Für Dörte und mich ist es das Training das wir brauchen um im Osten des Landes das gleiche Prinzip anzuwenden. Es ist ein Prinzip das überall angewendet werden kann, es kann Türen in bisher verschlossene Gebiete, öffnen. Das Prinzip muss erlernt werden, wir müssen genau wissen mit wem wir sprechen müssen damit wir vom Dorf akzeptiert werden. Wenn eine wichtige Person übersehen wird, kann das schon das Ende bedeuten und die Tür geht nicht auf. Wir merken mehr und mehr wie delikat das Gewebe der Gesellschaft ist und mit welchem Feingefühl wir operieren müssen.
Zum Schluss ein Zitat von einem Moderator: “die Leute im Dorf wollen nicht wissen was in Deinem Kopf ist, sondern was in Deinem Herzen ist, sie wollen wissen ob sie Dir vertrauen können.”

Freitag, 4. März 2016

Einigkeit macht stark


Veränderung durch Kommunikation 

nach jahrzehntelanger verfehlter Entwicklungspolitik wuchs in den letzten Jahren die Erkenntnis, dass der Schlüssel zu positiver Veränderung in den Menschen selber liegt.
In organisierten workshops schauen wir uns gemeinsam all das gute an, das wir haben. Wir merken, wir sind gar nicht arm, sondern reich beschenkt. In Kleingruppen wird die Frage diskutiert warum dennoch unsere Kinder krank sind, unsere Männer trinken, und Frauen und Mädchen in der Prostitution landen.
Eine Auswahl von Personen aus dem Dorf kommen zusammen, da sind die Meinungsmacher, die Chiefs, die Pastoren, Regierungsbeamte und Geschäftsfrauen. Alle kommen zusammen um in einem mehrtägigen interaktiven workshop über die Probleme ihrer Heimatgemeinde zu diskutieren und nach Lösungen zu suchen. Wir versuchen die Menschen aus ihrer Lethargie herauszuführen, indem sie auf ihr Potential sehen und gemeinsam Lösungsansätze entwickeln.
Für Dörte und mich ist der Ansatz nicht neu, aber es gibt viele gruppendynamische Prozesse zu lernen und so zu verinnerlichen dass wir sie als Gepäck quasi im Koffer dabei haben, während wir uns auf Dorfgesundheitsentwicklung vorbereiten.
Hier in Afrika und anderswo wird die Rolle des Mittlers immer wichtiger, es ist nicht der Lehrer der die Lösung bringt, es ist vielmehr das Öffnen der Augen das den Unterschied macht, und das Eröffnen einer gesunden Kommunikation zwischen allen Ebenen der Gemeinschaft.

Beispiel Kamburu:

ein Dorf etwa 40 km von Kijabe entfernt, inmitten der immergrünen Teefelder. Frauen und Männer pflücken die oberen 3 Blätter von der Teepflanze damit in den nahegelegenen Teeaufbereitungsanlagen das frisch geerntete  Gut zu Tee verarbeitet wird. Kenianischer Tee ist weltweit verbreitet und als Köstlichkeit geschätzt. Nebenbei bemerkt gedeiht die Teepflanze nur in hoch gelegenen Gebieten wo die Temperaturen relativ niedrig sind, Sonnenschein perfekt ist und Niederschläge fast täglich fallen.
Wer wünscht sich das nicht, das perfekte Klima, nicht zu heiss und nicht zu kalt? In den Birnenplantagen die ebenfalls hier zu finden sind, sind die Birnen kurz vor der Ernte, selbst Äpfel gedeihen hier. Kein Wunder dass die ersten Siedler die um die letzte Jahrhundertwende aus England hier ankamen, diese Region, das Hochland von Zentralkenia als fast paradiesisch empfanden.

Der Stamm der Kikuyu, 

die diese Gegend seit vielen Jahrhunderten bewohnen fing schon bald an sich gegen die Kolonialregierung Grossbritanniens aufzulehnen. In den 30 er und 40 er Jahren des letzten Jahrhunderts begann schleichend die Rebellion bis sie in den 50 er Jahren zu einem ausgedehnten Guerillakrieg wurde. Diese Rebellion ging als der Mau Mau Aufstand in die Geschichte ein, viele Menschen fielen dieser Rebellion zum Opfer, in der Mehrzahl waren es Kikuyu die den Preis für die Freiheit bezahlten.
1963 wurde der Anführer dieser Rebellion zum ersten Präsidenten der neu ausgerufenen Republik Kenya ernannt, Jomo Kenyatta. Der Union Jack machte Platz für die Flagge dieses neuen souveränen Staates.
Kamburu, der Ort an dem wir unseren workshop durchführen ist ganz in der Nähe von Jomo Kenyattas Heimatdorf, dort wo der Kampf um die Freiheit begann. Heute ist dieses Volk in Kenya am weitesten verbreitet und hat sehr grossen Einfluss in allen Bereichen des Lebens. Ihr Unternehmergeist und Risikobereitschaft zu Investitionen in jeder Art von Geschäften ist bewundernswert. Uhuru Kenyatta, der älteste Sohn Jomo Kenyattas  ist seit 2013 der vierte Präsident Kenyas. Uhuru kommt aus der Kisuaheli Sprache und bedeutet Freiheit. Jomo erlangte im Jahr der Geburt seines ersten Sohnes die Freiheit von der britischen Kolonialregierung. Daher der Name “Freiheit” des amtierenden kenianischen Präsidenten.
Viel muss noch getan werden damit Einigkeit entsteht zwischen den über 40 verschiedenen Volksgruppen die Kenya zu dem Land machen das es ist. Keine leichte Aufgabe für die Regierung Kenyattas.