400 km nach Garissa
Noch vor Sonnenaufgang brechen wir auf, das Auto in der Nacht vorher beladen. Der Verkehr ist zu bewältigen. Wir bewegen uns stadtauswärts, die Gegenseite ist schon sehr zähflüssig, die rushhour hat begonnen, auf der von Chinesen vor 2 Jahren fertiggestellten 6-spurigen Superautobahn. Vorbei an, wie es scheint, recht ungeplanten Wohngebieten die sich Kilometer um Kilometer in das ehemalige Farmland ziehen, das vor über 100 Jahren die weissen Siedler, Engländer, nach Kenia gelockt hat, um dort Kaffee anzubauen und ihr Glück zu machen.
Dort wo sich früher weite Kaffeeplantagen waren, erstrecken sich die outskirts von Nairobi, der 4-5 millionen Einwohner zählenden ostafrikanischen Metropole.
Nach 1 Stunde Fahrt, inzwischen ist die Sonne über dem Horizont aufgegangen erreichen wir die schier endlosen Ananasplantagen. Grossflächige Gewächshäuser sorgen für etwas Abwechslung in der Landschaft. Wir werden daran erinnert dass Kenia eines der wenigen Länder ist, das deutschen Männern die Möglichkeit bietet, auch im Winter ihren Frauen rote Rosen schenken zu können. Unter welchen Bedingungen die Produktion abläuft ist ein Thema für einen anderen Zeitpunkt.
Je weiter wir gegen Osten reisen und je höher die Sonne steigt, umso weniger intensiv wird das Land bewirtschaftet. Inzwischen haben wir das Stammesgebiet der Kikuyu verlassen und sind bei den fleissigen Wakamba eingefahren. Sie sind bekannt für ihre Schnitzkunst, aber auch für ihre Fertigkeit aus Pflanzen und Wurzeln ein hochgiftiges Präparat herzustellen. Ihre Giftpfeile sind bei den Feinden sehr gefürchtet. Im allgemeinen ein sehr friedliches Volk, aber sie wissen wie sie ihren Widersachern die Grenzen aufzeigen können. Das Farmland ist gekennzeichnet von Terrassen die angelegt wurden um das knappe Wasser möglichst effektiv zu nutzen. In den wasserlosen Flussbetten sehen wir den Kampf ums überleben. Mitten in den Wadis wird gegraben um an das kostbare Nass zu kommen. Mit Schöpfkellen wird es von den Frauen in die Kanister gefüllt und auf die bereitstehenden Esel geladen. Wohl dem, der im Besitz eines Esels ist um die kilometerlangen, hügeligen Pfade zum Haus zurückzulegen. Viele Frauen schleppen die 20 Liter Kanister auf dem Rücken (siehe Bild) Strick über die Stirn, unglaublich wie sie das schaffen. Tag für Tag werden viele Stunden aufgewendet um Wasser im Haus zu haben fürs Kochen und Trinken. Afrikanische Frauen arbeiten unglaublich aufopferungsvoll und geben alles für ihre Familien.
Nach weiteren 1-2 Stunden Fahrt umgibt uns nur noch Busch, menschliche Besiedlung wird immer rarer. Plötzlich ändert sich das Aussehen der Menschen die wir ab und an zu Gesicht bekommen. Es sind nicht mehr die eher plump wirkenden Wakamba, die zu den Bantuvölkern gehören. Jetzt begegnen wir den schlanken, feingliedrigen Somalihirten die oft hunderte von Kamelen vor sich hertreiben. Der eine oder andere hält eine Flasche hoch und bietet frisch gemolkene Kamelmilch feil. Ich kann nicht anders als kurz für ein Schwätzchen anzuhalten: "Caano geel, meeqa way?" - wieviel kostet die Kamelmilch? - "Boqol shilin keliya" - ruft er mir rüber. "Qaali way" - "das ist aber teuer", entgegne ich. Mit der Entschuldigung dass ich Angst vor Durchfall habe und doch nicht kaufen will, ist er zufrieden, freut sich über die kurze Begegnung mit dem merkwürdigen Weissen, der ihn in Somali anspricht.
Die Fahrt geht weiter, durch unbesiedeltes Gebiet. Hier und da sind Wasserlöcher in der nun immer karger und wüstenähnlicher werdenden Landschaft. Nicht nur Kamele, Schafe und Ziegen leben von dem Wasser, sondern auch Vögel, Affen und andere Wildtiere löschen dort ihren Durst. Ich liebe diese Gegend, die Weite und Unberührtheit hat einen ganz besonderen Reiz. Natur und Mensch arbeiten eng miteinander zusammen. Immer auf der Suche nach Weidegründen und Wasser ist ihr Leben von diesem Zyklus bestimmt. Hochzeiten werden entsprechend in die Regenzeit gelegt, selbst Kriege werden lieber in der fetten Zeit geführt als in der Trockenzeit.
Natürlich versuche ich ein Bild zu machen von den Tieren am Wasser die von den Hirten geordnet werden. Es dauert nicht lange bis einer merkt dass ich die Kamera angelegt habe. Schon fliegen die ersten Steine und sehr ärgerliche Schreie machen mir unmissverständlich klar dass fotografieren hier mehr als unerwünscht ist. Mein Vorteil ist, ich sitze hier im Auto und gehe aufs Gas und entferne mich von den verärgerten und heissblütigen Kamelhirten. Allerdings nicht ohne ein schönes Bild in den Kasten bekommen zu haben.
Die Reise geht weiter, wir kommen an einen aus Stöcken und Gras bestehenden Siedlung. Am Strassenrand liegen Säcke mit Holzkohle zum Verkauf. Es scheint die Haupteinnahmequelle der sehr arm aussehenden Bevölkerung des Weilers zu sein. Ich halte Ausschau nach einer Siedlung die ich vor Jahren kennenlernte als ich anhielt um einen Sack Kohle zu kaufen. Es war eine Somalifrau mit ihrem 8 jährigen Sohn die ich damals kennenlernte. Aus dieser kurzen Begegnung entwickelte sich ein Gespräch. Im Gespräch erzählte sie von der Armut, Mangel an Wasser und eigentlich an allem. Mein Kollege der damals mit war, ein koreanischer Wasserbauingenieur, liess sich darauf ein, genau in diesem Weiler ein Reservoir für Regenwasser zu bauen. Die Situation verbesserte sich in den letzten Jahren, die Beziehungen sind gut, und alle Kinder dieser Frau sind heute durch ein Stipendium dieses Koreaners in einer christlichen Privatschule und erhalten eine erstklassige Ausbildung. Gerne denke ich zurück an diese zufällige Begegnung am Strassenrand beim Einkauf von Kohle. Eine kleine Geste kann oftmals sehr viel bewirken, ein freundliches Gespräch, ein hörendes Ohr und ein Gott der alle Resourcen freisetzen kann.
Inzwischen taucht Garissa in der Ferne vor uns auf, im tief eingeschnittenen Tal des Tana Flusses, flimmernde Hitze vor uns. Wir sind durch Klimazonen gereist, durch Sprach- und Stammesgebiete. Ich fühle Dankbarkeit in mir aufwallen, nicht nur für einen sicheren Trip, sondern auch für das Privileg in diesem wunderschönen, so verschiedenartigen, reichen Land leben zu dürfen.

